Wissenschaftlicher Bericht
2. Internationale Wissenschaftliche Seminar Hussinetz/Strehlen
von Dr. habil. H.-D. Langer, Niederwiesa

Das 2. Internationale Wissenschaftliche Seminar Hussinetz/Strehlen fand unter dem Motto „Religion und Krieg im Zeichen des Kelchs“ im Rahmen der 2. Kulturtagung Strehlen/Hussinetz vom 17. bis 20. September 2010 in Trebechovice/Tschechische Republik statt.

Als Veranstalter brachten sich ein: 


Bundesheimatgruppe Stadt und Landkreis Strehlen (BHG) e.V., Herne/Deutschland,
Evangelische Brüdergemeinde Trebechovice, /Tschechien,   
Stadtverwaltung Trebechovice/Tschechien,
Stadtverwaltung Strzelin/Polen,
Tschechische Christliche Akademie Trebechovice/Tschechien,
Ökumenischer Sängerchor Trebechovice/Tschechien.


Unterstützt wurde die Tagung durch

Sächsisches Staatsministerium des Inneren, Referat Europäische Raumordnung, Fachplanung, Adalbert Stifter Verein e.V., München, Kulturreferenten für die böhmischen Länder, Stadtverwaltung Frankenberg/Sa.


Die Programmverantwortung hatten Dr. habil. Hans-Dieter Langer, Niederwiesa/Deutschland - der zugleich die Moderation übernahm - und Pfarrer Dr. (Th.D.) Filip Capek, , Trebechovice/Tschechien.

Die Kulturtagung und mit ihr das 2. Internationale wissenschaftliche Seminar Hussinetz/Strehlen wurden vom Bürgermeister der Kleinstadt Trebechovice, Herrn Ing. J. Nemec, eröffnet. In seiner Rückschau stellte er die historischen Zusammenhänge zwischen der böhmischen Region um Hradec Kralove und der Emigration von Glaubens- und Wirtschaftsflüchtlingen nach Preußen sowie die Vertreibung nach dem 2. Weltkrieg heraus. Zudem gab er der Hoffnung Ausdruck, dass die Reihe der Kulturtagungen Hussinetz/Strehlen dazu beitragen möge, dass Tschechen, Deutsche und Polen sich integrativ in das vereinigte Europa einbringen. Im Auftrag des Vorsitzenden der BHG, Herrn Dr. H.-W. Fleger, begrüßte dann das Vorstandsmitglied, Herr F. Tscherny, die Teilnehmer.

 

Herr Prof. Dr. M. Reznik, Technische Universität Chemnitz/Deutschland, ging zunächst auf Die Hussitischen Traditionen der tschechischen Geschichtspolitik ein. Nicht nur für ihn sind das Hussitentum und insbesondere die über die Jahrhunderte weiter entwickelten hussitischen Denkweisen ein Grundpfeiler des tschechischen Nationalbewusstseins, das übrigens immer auch eine Abgrenzung vom Deutschtum erforderte. Es wurde unter anderem die bedeutende Rolle des tschechischen Historikers und Politikers Frantisek Palacky (1798-1876) heraus gestellt, die für Tschechien noch heute sehr nachhaltig ist. F. Palacky hatte die heroischen Elemente der Hussitenzeit betont. Es scheint, dass dies auch heute noch ein Aspekt von hoher Tragweite im tschechischen Volk und in der Politik des EU-Mitgliedes ist. Insofern dürften die Kulturtagungen der in tiefer hussitischer Tradition stehenden europäischen Kulturinsel Hussinetz/Strehlen keinen unwesentlichen Beitrag für die Umsetzung der Idee einer europäischen Vereinigung leisten können.

Jan Hus und die erste Reformation in Europa: Eine Bewertung aus aktueller Sicht war das anschließende Thema von Dr. habil. H.-D. Langer/Deutschland. Nach seiner Ansicht wird die Leistung von Jan Hus - im Vergleich zum Lebenswerk von Martin Luther - in Deutschland nicht ausreichend gewürdigt. Zudem hat sich hier ein Bild des Hussitentums erhalten, dass die eigentlichen Ursachen der Hussitenkriege mit ihren Auswirkungen in Deutschland völlig verzerrt darstellt. Die vom Papst ausgerufenen blutigen Kreuzzüge gegen die Anhänger hussitischen Glaubens in Böhmen gingen nämlich von den deutschen Fürstentümern aus. Insofern sind die hussitischen Kriegszüge eher vergleichbar mit der aktuellen NATO-Strategie zur Bekämpfung des Terrorismus in den Ausgangsländern, also ein wesentlicher Teil einer existentiellen Verteidigungsstrategie mit dem Ziel der Quellenvernichtung.

Erst das sogenannte Toleranzpatent von Kaiser Josef II. eröffnete im Jahr 1781 die von der katholischen Kirche zähneknirschend geduldete, geordnete Entwicklung des Protestantismus in Tschechien. Herr Dr. Z. Nespor von der Karls Universität Prag/Tschechische Republik widmete sich diesem historischen Vorgang mit dem Thema Aufbau der evangelischen Gemeinden in Ost-Böhmen im ‚langen’ 19.  Jahrhundert (1781-1918).  In diesem Zeitraum war die Jahrhunderte währende Glaubensemigration aus diesem Land längst Geschichte, und im preußisch-schlesischen Hussinetz/Strehlen ging man zur evangelisch-reformierten Tagesordnung über. Während sich aber hier die alte böhmische Kultur inselförmig konservierte, kam es im böhmischen Mutterland zu mehreren Grundströmungen der Böhmischen Brüder. Die Zersplitterung mag einer der Gründe dafür sein, dass auch in Ostböhmen - dem hussitisch geprägten Kerngebiet - heute noch immer der Katholizismus überwiegt. Allerdings belegt gerade die Tschechische Christliche Akademie in Trebechovice, dass Evangelische in der Tradition der Böhmischen Brüder und Katholiken heute eng zusammen arbeiten können, was sicher auch eine Antwort auf die einschlägigen Repressalien aus der Zeit der Tschechoslovakei ist.

Das tragische Elend der Anhänger reformierten Glaubens begann bereits nach der verlorenen Schlacht am Weißen Berg. Herr Dr. O. Kortus von der Karls Universität Prag/Tschechische Republik ging anhand von historischen Recherchen einzelnen Emigranten-Schicksalen aus der Zeit des 16./17. Jahrhunderts nach: Unbekannte Schicksale der Emigranten nach der Schlacht am Weissen Berg. Und man kann sich nicht vergleichender Gedanken an politische Flüchtlinge in heutiger Zeit erwehren.

Insofern war die Fragestellung von Dr. F. Capek - Bedeutung der Vergangenheit für das Verständnis der Gegenwart und Zukunft - Kann doch magistra vitae Historia  sein? - wohl genau richtig platziert. Dr. Capek ist in Trebechovice  Pfarrer der evangelischen Brüdergemeinde sowie Vorsitzender der Christlichen Akademie, und er lehrt an der Evangelischen theologischen Fakultät der Karls Universität Prag. Seine tiefsinnigen philosophisch-theologischen Überlegungen überzeugten sehr wohl, wonach Geschichte als Lehrmeister für das Leben dienen kann. Man kann es ihm selbst  auch bescheinigen, denn seiner Unterstützung ist es zu verdanken, dass die internationale 2. Kulturtagung Hussinetz/Strehlen in Trebechovice überhaupt stattfinden konnte. Dies geschah durch seine Mitwirkung auf einem hohen Niveau sowie mit dem nicht geringeren Anspruch, gesellschaftliche Interessen und religiöse Befindlichkeiten deutscher Vertriebener, der tschechischen Nachkommen daheim Gebliebener und polnischer Neusiedler in Schlesien miteinander zu verbinden.

Auch konnte Dr. P. Polehla, Universität Hradec Kralove/Tschechische Republik, in seinem Beitrag Religiöse Veränderungen in Trebechovice an der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts dies indirekt belegen, denn in Ostböhmen koexistieren gegenwärtig zahlreiche Konfessionen friedlich nebeneinander. Einerseits verbindet sie das Existenzringen in postkommunistischer Zeit - P. Polehla wies anhand statistischer Daten einen generellen, wenn auch zaghaften, kirchlichen Aufwärtstrend für die Region nach. - andererseits sind die ökumenischen Erfolge nicht zu übersehen. Ein Beispiel dafür ist der Mitveranstalter der Kulturtagung, die Christliche Akademie Trebechovice mit ihrem Vorsitzenden, Herrn Pfarrer Dr. F. Capek. Ausdruck der hier mit diesem Hintergrund funktionierenden Ökumene sind ja auch der im Rahmen der Tagung stattgefundene Gottesdienst in der Kirche der evangelischen Brüdergemeinde und das Konzert in der katholischen Kirche St. Andreas.

Schade, dass der Beitrag Die Hussitenkriege im Spiegel der Trilogie "Das Narrentum" von Andrzej Sapkowski von Dr. G. Jelitto-Piechulik, Universität Oppeln/Polen, ausgefallen ist, denn auch hieran knüpfte Herr Prof. Dr. W. Stribrny/Deutschland mit seinem Vortrag im Grunde genommen unmittelbar an, indem nun Strehlen den historischen Brückenschlag nach Schlesien besorgte.
Jedenfalls zeigte der erfahrene Historiker und Preußenkenner W. Stribrny mit dem Beitrag Friedrich der Große und die böhmischen Brüder unmissverständlich und dankbar (auch seine böhmischen Vorfahren waren betroffen) auf diese Kleinstadt als er dem Weg der böhmischen Exulanten in Gnaden des preußischen Königs aus der Region um Königsgrätz/Hradec Kralove über Münsterberg in die bei Strehlen gegründeten „böhmischen“ Dörfer - der Parochie Hussinetz - folgte. Seinen bewegenden Worten lauschten die interessierten Seminarteilnehmer sogar noch lange zusätzlich, nachdem aus terminlichen Gründen zwischendurch der Einladung  des Bürgermeisters, Herrn J. Nemec, in das berühmte Krippenmuseum von Trebechovice gefolgt wurde.


Die evangelisch-reformierte Parochie Hussinetz bestand 200 Jahre im Zeichen hussitischer Tradition - der Kelch als besonderes Symbol ziert noch heute so manches Baudenkmal in den „böhmischen“ Dörfern bei Strzelin/Strehlen - und galt in Preußen/Deutschland als Musterbeispiel der Integration von Emigranten, die trotz letztlich erfolgreicher Germanisierung ihre althergebrachte Kultur pflegten. Nach anfänglicher Abgrenzung fand nach 1850 eine Öffnung statt, so dass dann auch zunehmend eine Durchmischung der deutschen und böhmischstämmigen Bevölkerung in der Region erfolgte. Im gleichen Zuge verringerte sich natürlich der Einfluss der sich als Böhmische Brüder bekennenden Gruppe innerhalb der Hussinetzer Gemeinschaft. Frau Dr. J. Szczepankiewicz-Battek, Polen, konnte jedoch aufzeigen (Die Böhmischen Brüder in der polnischen evangelisch-reformierten Kirche in Geschichte und Gegenwart), dass verschiedene Strömungen dieser auf Jan Hus zurück gehenden Glaubens- und Gesellschaftsrichtung in Polen bis in die Gegenwart existieren. In den preußischen Ostgebieten hatten sich ja seit 1548 zahlreiche weitere Siedlungsmittelpunkte böhmischer Glaubensflüchtlinge heraus gebildet. So gibt es eine starke Gruppierung in Zelow, der sich übrigens im Jahr 2010 die letzten Hussinetzer „Brüder“-Gläubigen angeschlossen haben. (Es sind dies jene älteren Frauen in der Traditionspflege, die nach dem 2. Weltkrieg in Gesiniec/Hussinetz und Umgebung verblieben, polnische Staatsbürger wurden und polnische Männer heirateten.)

„Religion und Krieg im Zeichen des Kelchs“, das war das Motto der 2. Kulturtagung Hussinetz/Strehlen. Wenn auch die preußische Einnahme von Schlesien nicht grundsätzlich auf einen Glaubenskrieg zurück geht, so haben doch hussitische Bekenntnisse diese bemerkenswerte Verbindung zwischen den Regionen Königsgrätz/Hradec Kralove und Strehlen/Strzelin maßgeblich mit bestimmt. Der Beitrag von Dr. med. W. H. Pantenius/Deutschland - Königgrätz und Strehlen im Focus der Schlesischen Kriege zwischen 1740 und 1763 - sollte die militärische Seite dieser Beziehung betrachten, entfiel jedoch leider aus Krankheitsgründen (Manuskript vorhanden!). So blieb es Herrn Dr. habil. H.-D. Langer/Deutschland vorbehalten, dies am Beispiel eines Hussinetzer Bürgers im Vortrag Die Schlacht 1866 bei Königsgrätz und Johann Fleger - ein Heldentod 1866 in der Heimat seiner Vorfahren? zu tun. Hiermit wurden zugleich die Hintergründe deutlich, weshalb es im Rahmen der 2. Kulturtagung Hussinetz/Strehlen am 19. September 2010 im Friedhof zu Sveti bei Hradec Kralove zur Einweihung eines Gedenksteines in Erinnerung an jenen Johann Fleger aus Hussinetz (mit Vorfahren aus Sveti) kam, der an der Schlacht 1866 möglicherweise freiwillig teilnahm und dort - im Land seiner Väter - den Tod fand. Ist sein Beitrag zur Herausbildung der deutschen Nation und des deutschen Kaiserreiches wirklich eine Heldentat, führten doch die Spätfolgen dieser historischen Ereignisse letztlich sogar zum Untergang der Hussinetzer Gemeinschaft?

Vom Glaubensbekenntnis und Kriegsgeschehen entführte Frau Dr. Zita Zemanova, Direktorin des Mittelböhmischen Museums Roztoky/Tschechische Republik,  die Seminarteilnehmer wieder in entschieden ruhigere Gewässer: Geschichte des Krippenmuseums in Trebechovice. Man muss wissen, dass diese Einrichtung Weltruhm genießt und alljährlich - vor allem in der Vorweihnachtszeit - die Besucher vieler Nationen in ihren Bann zieht. Böhmische Schnitzer- und Mechaniker-Künste haben sich hier vor allem mit der großen Krippe ein einzigartiges Denkmal gesetzt.

Demgegenüber bleibt das Museum Strzelin/Strehlen und Landkreis wohl vorerst zumindest nur ein Traum aller Vertriebenen. Herr OStR a.D. K.-P. Grund/Deutschland wollte darüber referieren: Das museale Projekt Strelin/Husinec-Strehlen/Hussinetz-Strzelin/Gesiniec einer europäischen
Kulturinsel
. Doch standen dem kurzfristig familiäre Gründe entgegen, und vor Ort in Polen ist kein Fortschritt zu spüren. Hatte man zu hoch angesetzt, indem das Projekt mit dem Wiederaufbau des Strehlener Rathauses koppelte? Möglicherweise gibt es auch konzeptionelle Gründe für die Verzögerung. Jedenfalls soll es am Willen der Stadtverwaltung Strzelin nicht liegen - allenfalls fehlen die Mittel und Wege - und die Bundesheimatgruppe Stadt und Landkreis Strehlen e.V. hat längst ihre Hilfe zugesagt.


Nichts ändert freilich die Tatsache, dass Paul Ehrlich in Strehlen geboren worden ist und dort seine Kindheit und Jugendzeit verbrachte. Im Referat Der Nobelpreisträger Paul Ehrlich - Symbolfigur der Kulturinsel
Strelin/Husinec-Strehlen/Hussinetz-Strzelin/Gesiniec
erläuterte Dr. habil. H.-D. Langer/Deutschland die hohe Bedeutung dieses größten Sohnes der Stadt und seine familiären Bindungen an Hussinetz. Es konnte zudem erfreut festgestellt werden, dass man nach Überwindung der antijüdischen Maßnahmen im Nachkriegsdeutschland nun auch in Polen den bedeutsamen Status des Universalgelehrten und Entdeckers der Chemotherapie, P. Ehrlich, erkannt hat, der im europäischen Kontext der Kulturinsel eindeutig eine Schlüsselfigur darstellt. Diese Chance hat Dr. H.-D. Langer aufgegriffen und die Paul-Ehrlich-Ehrung gestiftet, mit der Verdienste für die Kulturinsel Hussinetz/Strehlen gewürdigt werden. So konnte diesmal im Anschluss an den Vortrag die Ehrung an den Pfarrer der evangelischen Brüdergemeinde Trebechovice, Herrn Dr. Filip Capek (für das hohe Engagement zur Vorbereitung und Durchführung der 2. Kulturtagung Hussinetz/Strehlen) und an den Europastudenten, Herrn Daniel Franzkowski, für seine wissenschaftlichen Qualifizierungsarbeiten (u.a. Bachelor-Arbeit an der Technischen Universität Chemnitz) zu Hussinetz und den anderen „böhmischen“ Dörfern bei Strehlen verliehen werden. Übrigens, der erste Preisträger war im Jahr 2008 Herr Dr. Ditmar Kühne, der unter anderem sämtliche 23 Kirchenbücher der Parochie Hussinetz (1751-1890) bzw. das Ortsfamilienbuch Hussinetz in das Internet gestellt hat: www.online-ofb.de/hussinetz
. (Hinweis: In der Internetseite www.drhdl.de findet man zudem die Wohnlagen sämtlicher Bürger von Hussinetz und von den anderen „böhmischen“ Dörfern sowie die vollständigen Einwohnerlisten aus den Jahren 1749 und 1934.)

Wer sich heute auf Erinnerungsreise nach Schlesien begibt, hat zum Beispiel mit den Ortsnamen teilweise große Probleme, denn sie wurden fast alle nach dem 2. Weltkrieg von den Polen neu vergeben. Herr
Dr. M. J. Battek, Polen, widmete diesem Umstand den Beitrag Die landeskundlichen Namen in der Tradition der Böhmischen Brüder in Schlesien. Unverstanden bleibt übrigens - auch aus der Sicht eines polnischen Bürgers, der in Schlesien lebt - die Umbenennung von Hussinetz in Gesiniec. Man hatte seinerzeit die historische Bedeutung der auf Jan Hus (!) zurück gehenden Ortsbezeichnung ignoriert und gemäß der slavischen Wortbestimmung von husa = Gans den Dorfnamen zu Gesiniec degradiert, was nichts anderes als Gänsedorf bedeutet. Die Seminarteilnehmer aller drei beteiligten Nationen haben dies heftig kritisiert und eine Rückbenennung gefordert. Vielleicht kann man das tatsächlich einst als eine kleine Eintrittskarte nach Europa begrüßen.

Menschen mit einem Migrationshintergrund fragen sich oft, wer bin ich und wohin gehöre ich? Die Identitätsfrage ist im Zeitalter der Globalisierung auch ein wichtiger theoretischer und praktischer Forschungsgegenstand der Geschichts- und Europawissenschaften und vor allem ein schwieriges gesellschaftspolitisches Phänomen in der Gegenwart. Jeder hat zwar eigentlich eine klare kulturelle Identität, insbesondere aus der Sicht seiner nationalen Zugehörigkeit, doch wie ist das mit den Emigranten? Sie befinden sich oft in einem Kulturkonflikt, da sie sich zunächst zu mehr als einer Kultur zugehörig fühlen (müssen!). So betreffen die hybriden Identitäten jene Personengruppen, die sich mit ihren kulturellen Identitäten im Übergang befinden. Jedenfalls stellte der Europastudent D. Franzkowski, Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) /Deutschland, kürzlich die Identitäts-Frage den Hussinetzer Vertriebenen, die in Deutschland leben, und den Betroffenen, die in den „böhmischen“ Dörfern in Polen geblieben sind. Was kam im Rahmen des Beitrages Hybride Identitäten am Beispiel der Kirchengemeinde Hussinetz heraus? Im Spektrum der Bekenntnisse reichte die Skala vom „Ich war und bin ein Deutscher!“ bis hin zum „Ich weiß eigentlich nicht, wohin ich gehöre.“ Historiker, Sozialwissenschaftler, Pädagogen, … und Politiker haben also noch sehr viel zu tun, denn der Slogan „Es ist halt so.“ ist mit Sicherheit auf  Dauer eine unhaltbare Orientierung.

Frau Ingrid Stehr, Deutschland, hätte diesbezüglich im Vortrag Hussinetzer Emigranten in Sachsen/Deutschland sicher manche Erfahrung übermitteln können, denn sie schaffte es einst als Hussinetzer Vertriebene bis zur Bürgermeisterin in Sachsen und hat später so manche Busreise mit zahlreichen ebenfalls Betroffenen in die alte Heimat organisiert. „Ich bin ein Sachse!“, hätte sie vielleicht sogar formuliert, wenn nicht plötzliche Krankheit einen Strich durch die Reisepläne nach Trebechovice machte. Nun, im Jahr 2012 soll ja die 3. Kulturtagung Hussinetz/Strehlen in Frankenberg/Freistaat Sachsen stattfinden. Man kann da nur gute Besserung wünschen und hoffen, dass Frau I. Stehr dann ihre diesbezüglichen Erkenntnisse übermittelt.


Im Seminar wandte sich nun Herr Mgr. Martin Kares/Tschechien dem Thema Grundbücher aus der Herrschaft Smirice als eine Erkenntnisquelle der Exulantengeschichte zu. Die Herrschaft Smirice beherrschte im 18. Jahrhundert weite Teile der Region nördlich und nordöstlich von Königsgrätz/Hradec Kralove. Man kann anhand der Grundbücher recht gut erkennen, dass insbesondere die bäuerliche Emigration im Jahr 1742 den Schutz der preußischen Armee genossen hat, die sich hier bei Königsgrätz im Winterlager befand. Die Betroffenen konnten zum Beispiel ihren Grundbesitz sogar in der Regel legal verkaufen und sind so nicht gerade mittellos auf die riskante Reise gegangen. Herr M. Kares wies zudem nach, dass so mancher von ihnen im Jahr 1749 zu den Hussinetz-Gründern gehörte. Ähnliches konnten auch alle weiteren Referenten aufzeigen. Mit dem Thema Ausgewählte Genealogien von Hussinetz- und Podiebrad-Gründern setzte sich Dipl.-Ing. Tomas Stodola/Tschechien unmittelbar auseinander. Er und Herr Dipl.-Ing. P. Taraba/Tschechien (Beispiel eines Sippen-Schicksals (Fleger/Nedobil/Taraba): Emigranten - Im „Land der Väter“ Gebliebene - Reemigranten) sind hervorragende Kenner und Nutzer der tschechischen Archive. Sie haben bereits zahlreiche Genealogien bereichert und geben der Hoffnung Nahrung, dass sich die Spuren noch so mancher Exulanten-Familien um Jahrhunderte zurück verfolgen lassen. Auf die Unterstützung auch in Tschechien konnte sich Herr
Dipl.-Ing. D. Smolla/Deutschland auf jeden Fall verlassen, der in akribischer Kleinarbeit den Stoff zum Thema Auf Spurensuche: Die Smolla´s in Böhmen und in Schlesien sammelte. Herr D. Smolla versteht es sehr gut, Heimat- und Genealogieforscher verschiedener Länder zu koordinieren und für ein Ziel zu begeistern. Auch das ist ein nachahmenswertes Beispiel europäischer Zusammenarbeit.

Szene im Seminar

Fazit: Das Motto „Religion und Krieg im Zeichen des Kelchs“ ist in einem wissenschaftlichen Seminar aus allgemein gesellschaftlicher sowie religiös reformierter und katholischer Sicht mit hussitisch-historischem Vorzeichen von einem internationalen Referenten-Team beleuchtet worden. Dabei wurde die besondere Rolle der europäischen Kulturinsel Hussinetz/Strehlen (heute Gesiniec/Strzelin in Polen) heraus gearbeitet. Zugleich formierten sich bei den Vortragenden ebenso wie bei den Teilnehmern aus Tschechien, Deutschland und Polen neue Vorstellungen zur weiteren Aufarbeitung eines Themas, dass durch religions- und kriegsbedingte Emigration und Reemigration geprägt ist. Insofern wurde bereits die erste Saat für die 3. Kulturtagung Hussinetz/Strehlen eingebracht, die im Jahr 2012 im Freistaat Sachsen (voraussichtlich in Frankenberg) stattfinden soll.

F.M.
04.11.2010