Hussinetz

Das in Jahrhunderten mühsam germanisierte Dorf Hussinetz ist meine Heimat in Schlesien. Am 13. März 1941 bin ich dort geboren worden. Da hieß es allerdings Friedrichstein, und zwar seit 1937 arisch bestimmt. Immerhin entstand diese neuerliche Namenskreation wenigstens in Erinnerung an den Dorfvater Friedrich den Großen und an den benachbarten größten Granit-Steinbruch Europas, in dem auch meine Vorfahren gearbeitet haben. Schließlich wurde es nach dem 2. Weltkrieg im Zeichen der polnischen Einnahme in Gesiniec umbenannt. Diese Benennung hat nun eigentlich rein gar nichts mehr mit dem eigentlichen Gründungsnamen Husinec aus dem Jahr 1749 zu tun. Da wurde nämlich die Siedlung auch von dem einen Teil meiner älteren Vorfahren in Erinnerung an den ersten großen Reformator, Jan Hus, so benannt.

Denn sie waren Hussiten, die die katholische Unterdrückung in Böhmen nicht mehr ertragen wollten und mit Hilfe des preußischen Heeres im Jahr 1742 aus der Gegend um Königsgrätz nach Schlesien emigrierten. Friedrich II. hatte sie persönlich zu diesem Schritt mit sehr vielen, sehr weit reichenden Versprechungen bewegt. Und das Erstaunliche ist, er hat letztere buchstäblich alle eingehalten, denn die etwa 150 betroffenen Familien bestanden darauf. So formierte sich die sprichwörtliche Hussinetzer Gemeinschaft ... und ich lernte als Hänschen - außer der polnischen - auch noch die alttschechische Sprache meiner Ureltern. Dafür musste ich freilich aus Sicherheitsgründen das Deutsche vergessen.

Erst durch die Vertreibung im Jahr 1950 geriet ich willentlich im heutigen Freistaat Sachsen wieder in die Obhut der deutschen Nation, denn der andere Teil meiner Vorfahren hatte es wohl so bestimmt: Wir wollten jedenfalls keine polnischen Staatsbürger werden und gaben dafür sogar unser gesamtes Eigentum auf!

Trotzdem, nun aber im Zeichen des Friedens und der europäischen Integration fühle ich mich als schlesischer Hussinetzer und möchte das Denkmal dieses ungewöhnlichen Dorfes am Rande der Kreisstadt Strehlen (jetzt Strzelin) bewahren und womöglich mehren. Vor allem bin ich aber auf der Suche: Existiert die Hussinetzer Gemeinschaft noch, wo sie doch durch die Kriegsfolgen in alle Welt verstreut worden ist, und ist sie überlebensfähig, obgleich wir Alten allmählich aussterben? Werden unsere Kinder und Kindeskinder dieses historische internationale Erbe antreten?

Von einem bin ich allerdings fest überzeugt: Die durchaus dramatischen Ereignisse und Zusammenhänge sind es wert, dass sich verschiedene wissenschaftliche Disziplinen auch künftig damit auseinander setzen. Seien es unter anderem die Historiker, die Denkmalschützer, die Theologen, die Kulturfachleute, die Museologen, die Heimat- oder Ahnenforscher, sie alle haben - wie schon bisher - gewiss noch sehr viel zu tun, um das Phänomen Hussinetz und das der anderen böhmischen Dörfer aufzuarbeiten. Auch sollte der Erinnerungstourismus neue Impulse bekommen, denn die kleine Insel Hussinetz wird von einem ganzen Ozean der Nationen umspült, die zu ihrer Existenz mit beigetragen haben. Erinnert sei zum Beispiel an die großzügigen Spenden der Holländer, der Schweizer und der Deutschen in den damaligen preußischen, preußisch-schlesischen und sächsischen Ländern, die den verarmten böhmischen Exulanten einst den Landkauf erst ermöglichten. Aber auch dies ist ein Beitrag: Die Russen, die die Vertreibung der Menschen aus Ostpolen veranlassten, sorgten als Siegermacht auch maßgeblich dafür, dass diese in Schlesien eine neue Bleibe fanden. Träumen die vertriebenen Polen nicht auch von ihrer alten Heimat? Und noch viel größere Entfernungen muss freilich die Phantasie so mancher Nachkriegsemigranten überbrücken, wenn sie aus Übersee die Erinnerung an den Geburtsort Hussinetz und ihr Schlesien pflegen wollen.

Sollte es daher nicht möglich sein, dass die Europäische Union den einschlägigen Denkmalschutz und die Begegnungen in Hussinetz und in der Altstadt von Strehlen tatkräftig mit unterstützt? Nur, das müssen die heutigen polnischen Einwohner mit der Hilfe ihrer Vorgänger bzw. deren Nachfahren im Ausland selbst in die Hand nehmen! Und das sollte möglichst geschehen, bevor die Erinnerung verblasst, die betreffenden Gebäude endgültig verfallen oder die markante historische Dorfstruktur zwischen mystischen Marien- und Teufelsbergen unkenntlich zersiedelt wird.

Ich möchte allen Interessenten auf diesem Weg meine Sicht der Dinge übermitteln, wissentlich freilich, dass ich damit nicht etwa allein bin. Vielmehr gibt es bereits hervorragende Beiträge in der Literatur und im Internet. Ich zähle hier, sicher nur stellvertretend, einige wenige Namen und ihre wesentlichsten, direkt oder indirekt Hussinetz betreffenden Taten auf, möchte die Liste aber für Ergänzungen offen halten bzw. auf größere Literaturübersichten, etwa die von Peter Tscherny im Internet, hinweisen:

Edita Sterikova, Tschechien: Sie schrieb zahlreiche Bücher über die böhmischen Emigranten und ihre Siedlungen in Preußen und Sachsen.

Ditmar Kühne, Deutschland: In mühevoller Kleinarbeit stellte er ein beispielhaftes Ortsfamilienbuch zu Hussinetz ins Netz sowie veröffentlichte das von ihm gemeinsam mit Bernd Radetzki transkribierte und von Edita Sterikova kommentierte Königsberger Manuskript von 1763 des ersten Predigers der Hussinetzer, Wenzeslaus Blanitzky, also des Anführers der Hussinetzer Gemeinschaft in den schwierigen Gründerjahren (Geschichte der in Schlesien etablirten Hussiten, Books on Demand GmbH, 2001).

Eduard Winter, Deutschland: In frühen DDR-Jahren schrieb dieser Professor das überaus umfassende, wegweisende Buch „Die tschechische und slowakische Emigration in Deutschland im 17. und 18. Jahrhundert“, Akademie-Verlag, Berlin (1955), das vor allem die religiösen und wirtschaftlichen Hintergründe beleuchtet.

Auch meine Werbung für die alte Heimat ist konkret. Ich nenne hier vier Beiträge:

1. Ich bin dabei, Hänschens Erleben und meine Sicht der Dinge nieder zu schreiben. Da meine Jahre (?) gezählt sind, weiß ich natürlich nicht, ob ich dieses geplante Buch über Hussinetz vollenden kann. Deshalb nutze ich das Internet, um teilweise Unfertiges mitzuteilen.

2. Ein weiteres Projekt entstand aufgrund meiner Recherchen zum Buch. Es wird gemeinsam mit der Bundesheimatgruppe (BHG) Stadt und Landkreis Strehlen, Sitz Herne, und mit der Stadtverwaltung Strzelin meine Idee umgesetzt, ein wissenschaftliches Seminar zu Hussinetz im Rahmen eines ersten internationales Treffens durchzuführen. Die Kulturtagung - die hoffentlich Folgeveranstaltungen und Projekte nach sich zieht - findet in der Zeit 26. bis 28. September 2008 in Strehlen/Strzelin statt, dazu das Seminar an den ersten beiden Tagen (Programm siehe unten).

Zur Teilnahme laden wir alle Interessierten herzlich ein. Ganz besonders richtet sich das Gesamtprogramm mit Seminar, Diavorträgen, Diskussionsrunden, Exkursionen, Führungen, Gottesdiensten, Kulturveranstaltungen und Stadtfest an Familien, die wir bitten, möglichst mit ihren Kindern und Kindeskindern anzureisen. Wir informieren später über weitere Einzelvorhaben im Rahmen der Kulturtagung, denn noch laufen die Planungen. Nutzen Sie bitte die Gelegenheit, mit dem Bus zu reisen. Das entsprechende Angebot finden Sie in der Internet-Seite der BHG (www.bhg-strehlen.de). (Sie können Sich selbstverständlich auch gern bei mir anmelden: E-Mail langer@drhdl.de, Tel. 03726/721826.)

3. Mein besonderes Interesse gilt bekanntlich dem Natur- und Denkmalschutz. Nun, schon Hänschen wird eine ganze Menge erlebte Natur in seiner engeren Heimat zu beschreiben haben. Die Baudenkmale in Hussinetz und Strehlen, die an die eigene Kindheit und die Zeit meiner jüngeren Vorfahren, sowie die großartige Dorfstruktur der Gründerzeit sind jedoch in akuter Gefahr, zu verfallen oder abgebrochen bzw. völlig überformt zu werden.

Ich möchte dem entgegen wirken und beginne mit einer aktuellen, wenn auch unsystematischen Bestandsaufnahme.

Der Denkmalschutz hat ja in Gesiniec/Strzelin durchaus einen hohen Stellenwert. Es wurden zum Beispiel mit Unterstützung der Bundesheimatgruppe bereits zwei Denkmale restauriert. Auch hat so mancher Häuslebauer in Gesiniec das eine oder andere Baudenkmal auf eigene Kosten saniert. (Solche Beispiele sollen zu einem späteren Zeitpunkt gezeigt werden, dann aber mit einer Stellungnahme des Eigentümers.) Doch machen wir uns nichts vor, die Erhaltung und Sanierung bestimmter, insbesondere hochwertiger Objekte bedarf der finanziellen Unterstützung aus EU-Mitteln. Und überdies müssen zunächst die Bestandsaufnahme vor Ort vertieft und tragfähige Nutzungskonzepte aufgestellt werden.

4. Strzelin sucht im Freistaat Sachsen einen städtischen Projektpartner. Es geht um den Wiederaufbau des Rathauses mit dem einst höchsten Turm von Schlesien und die Gewinnung von Investoren, um den zerstörten Marktbereich wieder zu beleben. Auch dieses Anliegen möchte ich unterstützen und hoffe, via Internet auf Interessenten zu stoßen.

In diesem Sinne muss sich der Leser auch in diesem Teil meiner Homepage auf einiges gefasst machen, denn Heimatgefühle sind oft sehr emotional. Ich glaube allerdings, dass niemand - früher oder später - an solchen vorbei kommt. Insofern würde ich mich freuen, wenn der eine oder andere, selbst wenn er mit Hussinetz nichts am Hut hat, hier die Anregung zur tieferen Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit bekommen würde.


FM 14.04.2008