Hänschen und die kleinen Tiere

Anmerkung für den Leser

Dies ist ein Leseauszug aus einem in Arbeit befindlichen Buch über das schlesische Hussinetz, dem - zeitweise in Friedrichstein umbenannten - Geburtsort des Autors Hans-Dieter Langer. Er mit seiner Frau Ellentraud eine neue Heimat im Haus Ellen zu Niederwiesa/Freistaat Sachsen gefunden hat. Doch er hinterfragt nun mit dieser historischen Dokumentation, die zugleich unterhalten soll, woher er eigentlich wirklich kommt, wer seine Ahnen waren und warum das Dorf Husinec-Hussinetz-Friedrichstein-Gesiniec eine so bewegte, eine wahrhaft europäische Geschichte aufzuweisen hat.

Der nachstehende Abschnitt ist nicht abschließend bearbeitet. Auch fehlen bei Literaturzitaten (L) noch die bibliographischen Angaben, und es sind geplante Bilder nicht eingefügt. Im Prolog ist zudem von Minka die Rede. Sie kommt bereits im Abschnitt „Das Kriegskind erinnert sich“ vor. Die geliebte Katze ist übrigens in Ausübung ihrer eigentlichen Pflicht in freier Wildbahn vergiftet worden. Dieses scheinbar völlig belanglose Ereignis war aber Teil einer seit dem Jahr 1749 nachweislichen Dorfidylle, die durch den 2. Weltkrieg und seine schrecklichen Folgen nahezu vollkommen zerstört worden ist. Ging aber dadurch tatsächlich und endgültig auch eine einzigartige Dorfgemeinschaft unter?

Außerdem leitet Minka unmittelbar zum vorliegenden Abschnitt „Hänschen und die kleinen Tiere“ über, in dem der aufmerksame Leser sicher nicht nur unterhaltsame Tiergeschichten und auch nicht nur das ganze Glück und Elend eines kleinen Jungen erkennen wird, sondern möglicherweise auch an das Wesen von Krieg und Frieden, an Menschen und Nachbarn, an Ursache und Wirkung, erinnert wird. Sind nicht gerade Tiere dazu besonders geeignet?

Gelegentlich kommen im Text Ortsangaben vor, z.B. (177/Aue). Sie bezeichnen Haus-Nummer und Ortsteil bzw. Strasse in einem Lageplan von Hussinetz, der in anderen Abschnitten genau beschrieben wird. Die kursiv gestellten Worte (ohne Anführungszeichen) entsprechen der Ausdrucksweise, wenn in der engeren Heimat, dem Kreis Strehlen, genauer in Hussinetz-Friedrichstein, „deutsch“ gesprochen worden ist. Das war in preußisch-deutschen Zeiten gerade in Husinec und in Hussinetz gelegentlich durchaus ungewollt, weil man aus Tradition das Böhmische vorzog. Dann aber wurde Deutsch in den folgenden Reichen zur Pflicht, was schließlich in der Bezeichnung Friedrichstein gipfelte. Nachdem vom Geburtshaus (5/Kauba-Reihe) freilich eine Zeit lang sogar russische Befehle ausgingen - was zudem nichts weniger als die physische Vernichtung der halben Dorfschaft zur Folge hatte - wurde die Muttersprache auch noch zu Gunsten des Polnischen verboten: Gesiniec!

Als Hänschen nach der Vertreibung endlich wieder auf deutschem Boden Fuß fasste, schwirrten in seinem Kopf die Sprachfetzen von vier Nationen bleibend herum, und ... aus ihm war ein Hans geworden ... der nun doch erst wieder richtig Deutsch lernen musste.

Doch erwiesen sich manche schlesischen Vokabeln als Erhaltungsgrößen, genau so wie die Liebe zur alten Heimat.

Prolog

Die bereits erzählte Tragödie von
Minka, unserer geliebten Katze, dürfte auch in tiefsten Friedenszeiten passieren können. Dabei hatten wir - noch kein kommendes Unheil ahnend - die Chance vertan, ihren eines Tages präsentierten Nachwuchs aufzupäppeln und damit ihre liebenswerte Art wenigstens in genetischer Kopie zu erhalten. Allein der Gedanke an den Winter und die zu dieser Zeit allgemeine Nahrungsnot bedeutete dem gegenüber sofort für den gesamten Wurf das Todesurteil. Ausgerechnet Hänschen übernahm die Rolle des Henkers: Ein Sack, ein Stein und der Rest hinein, so geschehen in einem ehrenwerten Granitsteinbruch zu Hussinetz.

Diese frühe Missetat zog sich wie ein Fluch durch mein Verhältnis zu den kleinen Tieren während des kurzen Aufenthalts in meiner schlesischen Heimat. Wenn mich auch an den in einem anderen Abschnitt geschilderten minösen Unglücksfällen von großen Vierbeinern, den betroffenen Kühen und Pferden im „Krieg nach dem Krieg“ - über den ich berichtet habe - keine Schuld trifft, so leitet doch allein die Erinnerung daran höchst militant zu meiner damals zeitweise völlig verdorbenen Beziehung zum kleinen Tier über. Über allem steht aber die Schuld des unsäglichen Krieges, denn wir waren Kinder. Bei anderen Vorzeichen hätte gewiss jeder von uns in der direkten Konfrontation jene geheimnisvolle Liebe zur tierischen Kreatur entwickelt, die nun einmal in den kindlichen Zellen steckt. Es musste aber an erster Stelle der Hunger besiegt werden. Einige andere hoffnungsvolle Ansätze scheiterten zudem wie Minka.

Im Zeichen der Fische

Der Fisch im Brunnen

Mein Geburtsdatum fällt astrologisch ins Zeichen der Fische. Deshalb beginne ich mit dieser Kategorie, zumal sie mich seinerzeit besonders beschäftigt hat.

Fische gehören ins Wasser. Im Trinkwasser haben sie dagegen nichts zu suchen. Ich bin nicht sicher, ob ich nicht selbst der auslösende Täter war. Jedenfalls schwamm ein Fisch (!) einst in unserem Brunnen. Beim Wasser schöpfen tauchte er selbstverständlich ab, doch man konnte sich heran schleichen.

Dieses Geheimnis wurde niemandem nicht verraten.

Der Fisch im Eis

Der nach dem Krieg verwahrloste Teich in Höhe der zerstörten neuen Schule (177/Aue) hatte einen tiefen Schacht mit seitlicher Öffnung. An dessen Standort gab es noch eine Zeit lang viel Wasser und darin ... noch mehr Fische. Man konnte von oben wie in einen belichteten Tiefbrunnen hinein schauen. Manche der Tiere waren für meine Verhältnisse sehr groß. Sie haben aber leider alle die Vernachlässigung des Anwesens und schließlich die totale Austrocknung des Tümpels nicht überlebt bzw. so mancher dürfte im Kochtopf gelandet sein. Doch sie regten meine Phantasie an, und ich wollte einen lebenden Fisch haben. Eines Tages bekam ich einen geschenkt und dazu von Mama eine Kristallglasschale als Aquarium zugeteilt. Das Tier war so groß (oder das Glas so klein), dass es sich in seinem neuen Element kaum wenden konnte. Umso genauer durfte ich es ungestört betrachten, wobei das gekrümmte Glas mit dem Wasser wie eine Linse wirkte. Bald entdeckte ich zudem ein bezauberndes Spiel der Farben in der „kristallenen“ Hülle. Der Fisch konnte also nicht dafür, dass er schon jetzt in Vergessenheit geriet. Dafür wurde der Zusammenhang mit dem Licht der Sonne schnell erkannt. Die entfachte Experimentierfreude entführte schließlich Schale, Fisch und Wasser ins Freie, zu meinem Spielplatz an der Mauerecke, in die Sonne! Im Traum nachher meldete sich möglicherweise wieder der Fisch, denn ich konnte das Wiedersehen am nächsten Morgen kaum erwarten. O weh, der Fisch steckte jetzt im Eis! Es hatte sich in der Nacht Frost eingestellt, und das Wasser war durchgängig gefroren. Das arme Tier „stand“ nun ausgerichtet exakt in der Mitte der länglichen Schale. Ich ordnete in meiner Verzweiflung ein Aufschmelzen an, doch es kam jede Hilfe zu spät.

Der Fisch am Spieß

In einer Art von Umkehrung der Schuldverhältnisse sehe ich mich später mit anderen Buben am Bach mit Spießen bewaffnet ... auf der Jagd nach Fischen. Man befestigte eine Küchengabel mit Bindfaden an einem besonders langen Stock. Der Rest war Übungssache. So gelangte manche vom Blitz getroffene
Zappel-Forelle in Mutters Bratpfanne. Leider waren die schmackhaften Fische bald ausgerottet, und die Lergen schauten sich nach neuen Opfern um.

Krebsrot im kochenden Wasser

Es gab da in den umliegenden Gewässern tatsächlich noch eine andere Beute für böse, mutige Buben, nämlich Krebse. Hatte man einmal die Gepflogenheiten dieser unglücklichen Lebewesen begriffen, so ging es ihnen leicht an den Kragen. Sie hielten sich im Wasser gern am Gewässerrand unter den Uferüberhängen auf. Streckte man dort die Finger aus, dann fühlten sie sich zu Recht angegriffen und schnappten mit ihren Scheren zu. Das spürte man heftig und zog ganz schnell die Hand aus dem Wasser, ha, da hing der Happen dran! Waren einige Stück im Eimer, zog sich der Jäger zum Mahl zurück. Das sah dann so aus, dass die unvorsichtigen Kerle gleich lebend in kochendes Wasser geworfen wurden, um sie fachgerecht zu garen. Trat die charakteristische rote Farbe ein, war das Werk vollendet. Das Essen konnte beginnen, indem man die Haut öffnete und das total weiße Fleisch verwertete. Eine wahre Delikatesse für Kenner!

Wir waren damals hungrige und daher gnadenlose Bengel. Die Praxis der Verarbeitung solcher Krabbeltiere in einschlägigen Küchen ist freilich auch heute noch so, doch ich kann einfach nicht mehr an dieses Essen denken.
Ich würde diese Art der Zubereitung sogar verbieten!


Als Hecht an der Angel

Gelegentlich nahm ich mir schon die Freiheit, allein zum Zwölf-Häuser-Bruch zu gehen, der von zu Hause mehr als 1 km entfernt lag. Unterwegs fand ich einen kaputten Schirm, was bei mir die fixe Idee auslöste, zu angeln. Ich ging noch einmal zurück, um mir Zwirnsfaden und eine Sicherheitsnadel zu besorgen. Vom Schirm konnte geschickt einer der Spannstäbe gelöst werden, der ja den kühnen Denkprozess erst auslöste. Er glich mit seiner Öse an der Spitze (für die Zwirn-Angelschnur) ebenso einer perfekten Angel, wie sich aus einer Sicherheitsnadel schnell ein echter Angelhaken biegen lässt. Nun fehlte nur noch ein Fisch-Köder, nachdem in Gedanken kein geringerer, denn ein Hecht als Jagdwild vereinbart worden ist. Man hatte ja schon oft beim Angeln der Erwachsenen am alten Steinbruch zugeschaut.

Wie es der Zufall so will, schwamm in einer Ecke des Bruches im seichten Gewässer ein kleiner toter Fisch. Der wurde sofort an die Nadel gespießt. Auch der ideale Angelplatz wurde knapp am angeblich 40 m-Unterwasser-Steilhang gefunden: Nun konnte es hockend los gehen. Es ging aber nichts los. Die Geduld hat in diesem Alter bekanntlich enge Grenzen, zumal die ungeübte Stillstand-Hocke langsam lästig wurde. So war ich wohl am Ende meiner Kraft als ich plötzlich diesen groooßen Hecht gewahrte. Bei beiden spannten sich die Muskeln und Sinne bis zum Äußersten, so dass es fast synchron zur Entlastung kam. Der Hecht schnellte vor und schnappte zu, während ich die Angel nach oben riss und ... noch etwas anderes zerrissen ist. Diesen groben Fehler habe ich später nicht mehr gemacht. Mein Hecht wird dieses Manöver vermutlich auch nicht wiederholt haben, denn erstens war sein Zugewinn vermutlich verdorben und zweitens steckte da noch etwas Spitzes in seinem Frischfleisch. Er wird wohl elend gestorben sein, und sein Geist hat sich an mir gerächt.

Denn die Zeit verging.
Wieder fand die Szene im 12-Häuser-Bruch statt. Diesmal war ich anfangs nur aufmerksamer Zuschauer, denn ein polnischer Profiangler faszinierte mich mit seiner Geschäftigkeit. Bei ihm ging es um kapitale Hechte, das war klar, denn an seiner langen Angelschnur hing ein blinkendes Blechteil und dieses wurde quer und flach durch einen möglichst großen Bruchteil der Wasserfläche gezogen. Dazu ließ der Pole den Köder vor meinem Standort ins Wasser fallen, um dann so schnell wie es in dem Gebirge ging - die Schnur möglichst spannungsfrei abrollend - ein größeres Stück rundum über die Felsklippen zu klettern und gegenüber ein etwa 4 m hoch liegendes Steinpodest zu erreichen. Selbstverständlich schleppte er das Ende der Angelschnur, das zudem auch noch immer tiefer sank, indessen trotzdem ziemlich weit zu sich hin. So war es seiner großen Geschicklichkeit überlassen, durch schnelles Aufrollen - er drehte wie ein Wilder an der Kurbel - die vorschriftsmäßige geringe Tiefe des Blinkers zu erreichen, denn auch der feuchtschwere Faden löste sich nur zögerlich von der Wasseroberfläche. So blieb dem Hecht zu wenig Zeit, den Köder überhaupt erst einmal wahr zu nehmen. Immerhin, wenigstens in einem Fall zischte ein kräftiges Exemplar noch hinterher (und klatschte glücklich nur an die Felswand), als der falsche Fisch gerade vom Wasser abhob. Nun ward Petri erst recht vom Ehrgeiz gepackt und suchte sein Heil ... ja, ausgerechnet bei mir. Ich hatte mich am steilen Ufer in rund 1 m Höhe über dem Wasser zu postieren und sollte, rückwärtig zum Angler stehend, mit der rechten Hand die Leine etwa 20 cm über dem Köder fassen, während mein Zaubermeister jetzt gelassen rechts herum den halben Bruch umrunden konnte. Vereinbarungsgemäß war auf ein Rufzeichen die Schnur in Richtung Wasser zu werfen.

Wir beide, ich und der Angler, nahmen uns keine Zeit zur Übung, sondern ließen es sogleich auf den ersten Versuch ankommen. Leider hing mein Daumen schon am Haken, bevor sein Ruf mein Ohr erreichte. In diesem Moment war es allerdings noch wichtiger, dass meine nicht vereinbarte infernalische Antwort schnell sein Ohr erreichte und richtig interpretiert wurde, bevor sich die Angelschnur vollständig spannte. Sonst wäre ich der Köder geworden. Wenigstens dieser zweite Abschnitt ist uns beiden irgendwie gelungen. Den dritten Teil der Operation habe ich dagegen ziemlich schlecht in Erinnerung. Es dauerte erst einmal ewig, bis die erste Hilfe des Partners ankam. Die Zeit habe ich wohl mehr im Schockzustand überstanden. Dann ging es freilich ans Eingemachte. Der Haken mit Widerhaken war für Walfische ausgelegt, so schien es mir zumindest, als ich der Bescherung durch reichlich Tränenwasser hindurch erst richtig gewahr wurde. Mein Angelfreund entpuppte sich dann allerdings als wirklicher Heilpetri, denn bevor ich es fassen konnte, hatte er die Hakenkollektion aus meinem Daumenfleisch schon heraus gezaubert. Seither bin ich davon überzeugt, dass Fische an Haken von echten Petrijüngern nicht leiden müssen. Die Erklärung für den Misserfolg unserer eigentlichen Mission am Zwölf-Häuser-Bruch zu Hussinetz habe ich vielleicht erst durch mein Physikstudium gewonnen: Seilwellen pflanzen sich schneller fort als Schallwellen in der Luft.

Ein Salzhering als Glücksbringer

Die Vorliebe unserer Mama für Salzheringe war uns, meinem Bruder und mir, sehr wohl seit langem bekannt. Auch waren uns Geburtstage und Weihnachten stets willkommen, um Geschenke zu bekommen oder auch zu machen. Gleich nach dem Krieg war jedoch an Salzheringe überhaupt nicht zu denken. Die vorangestellten Episoden belegen ja unser heldenmütiges Bemühen, wenigstens an regionale Süßwasserprodukte heran zu kommen. Ging es ums Essen, da hielt sich Mama jedoch aus verschiedenen Gründen immer weit zurück. Sie war schon glücklich, wenn wir Kinder etwas zu beißen hatten, denn das
Schlesische Himmelreich war wirklich weit da droben, hinter den Wolken, verweht in Pulverdämpfen.

Es dürften dann - wohl erst zu Weihnachten des Jahres 1948 - polnische Hochseefischer gewesen sein, die es uns beiden Söhnen möglich machte, extra Angespartes in einen Salzhering zu verwandeln, um unserer lieben Mutter eine der schönsten Weihnachtsstunden zu bereiten. Wir genossen das, und vor allem die Vorfreude, voller Stolz.

Vom Schicksal „meiner“ kleinen Vierbeiner

Die Hasen-Hatz

In den Wochen meiner besonders belebten Früherinnerung, auf die ich an anderer Stelle eingehe, taucht keiner der kleineren Vierbeiner während unserer Flucht vor den Russen auf, obgleich sie uns doch ganz bestimmt auch in dieser Zeit und in der dörflichen Umgebung der Glatzer Auffanggegend irgendwie über den Weg gelaufen sein müssen. Doch in unserem Hussinetz-Friedrichstein-Gesiniec hat es sie selbstverständlich alle gegeben, die Hunde, Katzen, Karnickel und so. Auch gab es einen Bestand wilder Tiere, der für mich zwar lange im Dunkel blieb, doch der ebensolche Wald war nicht weit, und ein ausgesprochen typisches Charakteristikum sind ja gerade die großen Wiesen- und Feldflächen innerhalb der Dorflage. Nach unserem Wiederein- und dem Zuzug der Polen im Heimatdorf wurden freilich diese armen
Viechter schnell nicht nur dezimiert, sondern völlig ausgerottet. Sie wurden ganz einfach aufgegessen.

Ich schwöre allerdings, dass
wir keinen Hund und keine Katze verspeist haben, was jedoch nicht für die gesamte europäische Dorfgemeinschaft zutraf. Trotzdem drängten diese und weitere solcher vierbeiniger Spezies bald wieder ins Bewusstsein zurück. Insbesondere taten dies gewisse wilde Tiere, die naturgemäß schwer zu fangen waren. Ich habe keine Ahnung, inwieweit der Gebrauch von Schusswaffen verboten war oder ob hier ein lokal-internationaler Konsens herrschte, weil jeder im Ort inzwischen Explosionen hasste wie die Pest. (Das war durchaus nicht überall der Fall. Ab dem Jahr 1950, da ich nach der Vertreibung im sächsischen Weinböhla landete, konnte ich zum Beispiel noch die entsprechende Praxis der Russen aus der Meißner Garnison beobachten: Die ballerten in der Aue vor meinen Augen mit der Maschinenpistole auf die wenigen verbliebenen Hasen!)

Auch in Gesiniec gab es Jahre zuvor wieder Feldhasen. Doch nun greife man mal diese Schnellfüßer mit bloßen Händen! Und trotzdem, unglaublich, ich habe dieses spektakuläre Unterfangen zumindest im Ansatz beobachtet, nämlich wie ein Mann genau dies versuchte. Es war ein Tag, wie viele, und ich strebte dösend zwischen den Grundstücken von Bruske/Utikal (171/Aue) und Pultar (172/Aue) im Ortsteil Aue von Hussinetz der Stadt Strehlen zu. Vielleicht wollte ich zum Friseur in der Altstadt. Links und rechts zogen sich Gärten mit durchgängigen Maschendrahtzäunen dahin. Plötzlich stürmte ein Hase im Garten rechter Hand direkt auf mich zu. Ich wette, er sah weder mich, noch - oder gleich gar nicht - den Maschendraht. Wenige Meter dahinter spurtete nämlich ein Pole, und der hatte es direkt auf den Meister Lampe abgesehen!! Das zutiefst fremdartige Duo fesselte mich derart, dass meine Beine schlagartig erstarrten. So konnten beide einen sonst notwendigen horizontalen Haken um mich herum gerade mal noch vermeiden. Umso entscheidender wurden demgegenüber zwei unvermeidlich aufeinander folgende vertikale Sprünge, falls die Richtung beibehalten werden sollte. Der Haase entdeckte das Hindernis in letzter Sekunde, also musste er schon wegen der Trägheit linientreu bleiben. Seine beiden Kolossalsätze überstiegen dann eindeutig mein Vorstellungsvermögen und haben sich trotzdem tief in mein Gehirn gebrannt. Auch die weitere Abfolge der sagenhaften Ereignisse sehe ich präzise, denn der Pole landete nach seinem ersten Sprung in dem Augenblick auf der Strasse als der Hase bei seinem zweiten gerade den Flugscheitel über dem nächsten Zaun passierte. Die Breite des Weges schätze ich nachträglich zu höchstens 5 m, so dass man sich im wahrsten Sinne des Wortes auf den Fersen war. Wie das Rennen ausging, weiß ich nicht, denn ich stand noch lange mit offenem Mund da und schaute in die Richtung, in der dieser duale Spuk schließlich zwischen den Bäumen verschwand.

Nachwort: Falls jemand hinterfragt, wieso in diesem Zeitlupenfilm ein Pole vorkommt, so kann ich zumindest teilweise aufklären. Man konnte als deutscher Bürger von Gesiniec sehr bald auf Anhieb einen Polen von einem Deutschen unterscheiden. Warum? Keine Ahnung, es war halt so, wahrscheinlich auch im umgekehrten Verhältnis.

Als Hase zwischen zwei Hunden

Ein anderer Pole entdeckte eine ungleich effektivere Methode. Er schaffte sich zwei Hunde an und richtete sie zur kollektiven Hatz auf Feldhasen ab. Man konnte ihn und seine zwei gelehrigen (und vor allem hungrigen) Tiere öfters in den benachbarten Feldfluren am Windmühlenberg beobachten. Mich beeindruckte die intelligente Taktik der Hunde. Einer rannte hinterher, der andere fabrizierte im Gelände Bögen, um das Langohr in die Zange zu nehmen. Trotzdem gingen die Häscher regelmäßig leer aus und gaben schließlich auf. Das galt aber nicht für den Polen, der immer mal aufs neue die Hunde aufhetzte. Immerhin gelang es diesen zunehmend besser, die seltenen Hasen überhaupt erst einmal aufzuspüren. Für mich wurde das Zuschauen trotzdem langweilig. Man wünschte sich als Hänschen mehr Aktion. Ich brachte es schließlich fertig, beim Spielen nicht gleich die Ruinen in der Kauba-Reihe zu verlassen, wenn ich das vertraute Hundegebell hörte.

An einem Durchschnittstag - die Hunde waren drüben im Feld verschiedentlich zu hören - ging ich einen lang gestreckten Pfad zwischen zwei Spielplätzen benachbarter Ruinen dahin. Links und rechts standen Gräser hoch und Sträucher dicht, denn die Natur gewann inmitten der einstigen Siedlungsstätten wieder die Oberhand. Plötzlich hörte ich ein Trommeln und Keuchen hinter mir und trat unwillkürlich zur Seite. Da stiebte ein Hase vorbei, dem im Abstand von 1 m ein Hund folgte. Letzterer machte den Eindruck, dass er trotz des Wahnsinnstempos der „Spur“ nicht nahe liegend rein optisch, sondern standestypisch mit der Nase hart am Boden, also geruchsmäßig folgte.

Sooo lang ging nun der Pfad auch nicht gerade aus. Da vorn gab es nämlich eine völlig unübersichtliche Kurve, was aber momentan offenbar nur ich wusste. Mein Denken war jetzt aber ohnehin abgeschaltet und hätte zudem die folgende Karambolage mit tödlichem Ausgang zu keiner Zeit beeinflussen können. Ich ahnte ja auch nichts vom jenseitigen Gegenverkehr. Der fand aber zunächst einmal statt in Form des zweiten Hundes! Es bleibt freilich dessen Geheimnis, wie er den verschlungenen Weg des gehetzten Hasen voraus gesehen hatte, der sicher nur in arger Bedrängnis mein für ihn fremdartiges Spielfeld betrat.

Für die einen eingangs und den anderen ausgangs der Kurve also, kaum 5 m voraus, kam es zum Dreierstoß. Beide Hunde reagierten auf Geruchswirbel oder so überhaupt nicht, sondern stießen ungebremst und gleichzeitig frontal drauf. Worauf? Auf des Hasen Bauch bzw. Rücken! Der stand nämlich in diesem Augeblick in der Luft. Insofern muss es für die beiden etwa gleich großen Hunde ziemlich schmerzhaft gewesen sein, denn die Köpfe stießen annähernd zentral auf einander. Dazwischen war also nur der untere Balg des dritten Tieres, und was hat dieses dürre Teil schon mit einem Airbag zu tun. Der Hase hatte doch tatsächlich den Ernst der Lage noch erkannt und versuchte - wohin denn sonst bei der allgemeinen Enge rundum? - senkrecht (!) nach oben zu entkommen. Das misslang allerdings gründlich, wie beschrieben.

Es ist auf Anhieb verständlich, dass die verbrauchte, beträchtliche Stossenergie die Lebensgeister des fliegenden Vierbeiners auf der Stelle zumindest zeitweise außer Betrieb setzte. Die vereinigten elastischen Kräfte der deformierten Leiber trieben nun zudem die Hunde jaulend ein Stück auseinander, so dass Meister Lampe wie ein nasser Lappen zwischen ihre Schnauzen fiel. Also hatten die Häscher genug Zeit, um die Übersicht zu gewinnen. Die Falle schnappte zu, und zwar ein Scharnier im Genick, das andere am Hinterlauf. Wie es sich freilich heraus stellte, war dieser Eifer völlig überflüssig, denn die Beute war längst tot: Rückratfraktur.

Und ich hielt immer noch inne, denn die scharfen Bilder brauchten Zeit zur Abspeicherung in den grauen Zellen. So, und jetzt spie die Dschungel-Kurve auch noch den eiligen Polen aus, der sofort heftig über das Knäuel der ineinander verkeilten Hasen und Hunde stolperte. Das wiederum raubte ihm immerhin die kinetische Energie, so dass er mich wenigstens am Leben ließ. Daher konnte ich, der ich als Einziger den Vorgang aus nächster Nähe minutiös beobachtet habe, über diese Alternative zur klassischen Hasenjagd berichten.

Bei uns zu Hause wurden die Kaninchen übrigens - als es sie wieder gab - ganz anders erlegt: Die linke Hand hielt das zappelnde Opfer an den Hinterläufen, während die Rechte vehement einen Knüppel führte, und zwar genau hinter die Ohren. Auch ich Knirps war eines Tages zu diesem Handwerk berechtigt.

Schlesischer Aberglaube und ein Hundeschreck

In nächster Umgebung unseres Hauses gab es für mich drei bemerkenswerte landwirtschaftliche Güter. Die verhältnismäßig kleinen Flächen erinnerten noch an die Gründerzeit, waren doch sämtliche Siedler der ersten Stunde Bauern
L.

Die betreffenden Güter gehörten wie wir zur Kauba-Reihe. Ich möchte zunächst aus Hänschens Perspektive zugehörige Personen, die mir irgendwie nahe standen, wie folgt kurz charakterisieren: Fritz Wittwar (36), mein Ziel, wenn ich abends Hunger hatte; Helmut Tscherny (34), mein bester Freund bis zu unserer Vertreibung; Traugot Matitschka (35), der
Huchnja für uns Kinder. Während es sich bei Wittwar´s zu meinem Glück noch immer um ein reines Bauerngut handelte, stand wohl vor dem Krieg inzwischen bei Tscherny´s die Stellmacherei im Vordergrund, doch erlebte ich nach dem Krieg auch dort nur landwirtschaftliche Aktivitäten. Der Huchnja war wohl schon zu meiner Zeit zu alt, um seinen Acker zu bestellen. Auf jeden Fall waren alle drei Güter für meinen Freund Helmut und mich die Bereiche, die wir bis in den letzten Winkel kannten, oft gemeinsam nutzten und ... leidlich verunsicherten. Die große Stube bei Tscherny´s entwickelte sich jedoch auch zu einer Art von kulturellem Zentrum, wo freilich der Aberglaube reichlich Nahrung fand. Immerhin, diese Treffen ersetzten für mich die Märchenwelt, so lange ich noch nicht lesen konnte, denn ans Vorlesen zu Hause war zu dieser Zeit einfach nicht zu denken.

In der Mitte stand bei Tscherny´s ein Kanonenofen. Man versammelte sich abends und scharte sich rund um diesen. Wenn der dann nach reichlicher Fütterung wie ein Hochofen glühte, konnte man im romantischen Rotlicht, also ohne sonstige Beleuchtung, eine seltsame Staffelung von kreisförmig angeordneten Leibern beobachten. Den Innenkreis bildeten Hunde, die sich, in Seitenlage ausgestreckt, von der heißen Sonne rösten ließen. Dann hockten ringsum im Halbdunkel wohliger Strahlungshitze erwartungsvoll die kleineren Kinder, während sich hinter uns die Jugend und Erwachsene auf Schemeln und Stühlen platzierten. Aus verschiedenen Richtungen von hinten ertönten dann die unendlichen Geschichten aus dem Märchenland Schlesien. Sie wurden umso gehaltvoller und phantastischer, je später der Abend. Jedenfalls empfand ich das so, und ich wurde im steten Wechsel von der Angst gepackt, vom Frost geschüttelt oder es standen mir die Haare zu Berge. So ging es bestimmt auch den anderen Kindern und ... den Erwachsenen, denn der Aberglaube ging seit Jahrhunderten um im Dorf, und mit ihm ... der Apotheker, die Poltergeister und der Rübezahl. Ach, wo spukte es nicht überall in Hussinetz und Umgebung! Besonders betraf es natürlich das entlegene Dorfviertel
Helle, das ungerechterweise meist in dieser Runde in tschechisch als Peklo bezeichnet worden ist, was ja nun wirklich „Hölle“ heißt. Der Teufel fegte ohnehin überall herum, denn er besaß zudem im Teufelsberg bei Mehlteuer seine Brutstätte. Unweit davon, in Jagen, gediehen die Legenden von der Kreuzeiche, die tatsächlich existierte und die mit ihren zwei kreuzweis ineinander gewachsenen Ästen stets auf´s neue die Phantasie beflügelte. (Meine offenbar besonders, denn so etwas wurde für mich viel, viel später zum Forschungsgegenstand.) Das alles fiel ohnehin auf fruchtbaren Boden, denn das immer noch wabernde Glaubensbekenntnis der nicht minder legendären, hussitischen Böhmischen Brüder und Ahnen des Unternehmens Hussinetz schloss erstens den Teufel nicht aus und ließ zweitens die Möglichkeit zu, dass das eine oder andere Phänomen vielleicht doch der christlichen Wahrheit entspricht. Ausgespart blieb nicht wirklich irgend einer unserer Lebensräume, bis hin zu den Zobtenbergen im Norden und sogar bis weit ins Riesengebirge im Süden. Dazwischen, ganz in der Nähe, thronte der Rummelsberg, der für die böhmischen und deutschen Gläubigen nicht nur traditionell mit seinem Missions-Volksfest als überregionaler „evangelischer (!) WallfahrtsortL fungierte, sondern auch die tollsten Schaudergeschichten reichlich bediente.

Zur Entspannung nahm man sich natürlich auch mal bestimmte Personen auf´s Korn, so eben auch den armen Huchnja. Weil er einen Sprachfehler zeitlebens mit sich herum schleppte, musste der in dieser Runde stets abwesende Nachbar leiden. Er habe das „
Schloss mit Gewalt erbrochen“ war eine der typischen nasalen Nachäffungen, die ich mir nur inhaltlich gemerkt habe. So ein Blödsinn! Nur, das bescherte für uns Kinder automatisch eine tragische Spottfigur.

Dann ging es wieder an´s Eingemachte. Der markante Ziegenberg bzw. dessen als Apothekerberg verpönte Warze bei Mondlicht kam nun, wie so oft, ins Spiel. Bei Nacht war zudem die Strasse nach Eichwald praktisch unpassierbar, denn wer wollte sich schon mit dem Geist des verunglückten, gottlosen Apothekers anlegen? Es reichten ja schon die örtlichen Ackergeister. Sie kündigten sich zwar mit Lichtsignalen an, doch war man ihnen hoffnungslos ausgeliefert. Wir Kleinkinder nahmen das sehr ernst, und keine zehn Pferde hätten uns zur fraglichen Stunde dort vorbei ziehen können. Die Vorstellung wurde selbstverständlich keinesfalls entschärft, wenn es dann gelegentlich hieß, die blinkende Lichtquelle sei nur die blanke Schar eines im Feld abgestellten Pfluges gewesen.

Genau auf dem lausigen Höhepunkt einer solchen Gespensterstory geschah es dann. Jemand legte - sicher nur, um der eigenen Erregung Herr zu werden - im Ofen Holz nach, so dass die Kanone zu schmelzen drohte. Beim Rückzug trat der Depp einem der Hunde auf´s Bein. Oh je! Dessen jämmerlicher Aufschrei wurde nun von allen Anwesenden, auch von den anderen Hunden, wie das endgültige Öffnen der Hölle verstanden. Alles sprang auf und schrie und bellte gar fürchterlich durcheinander. Vielleicht geriet auch noch jemand in brenzliche Tuchfühlung zur Schmelze; jedenfalls war jetzt wirklich der Teufel los. Spätestens dieses chaotische Gebaren war nun der endgültige Beweis: Vom Aberglauben waren
alle Hussinetzer befallen!

Die Abrichtung des Hündchens beim Kriegerdenkmal

Der 1. Weltkrieg hatte auch zahlreiche Opfer aus Hussinetz gefordert. Ihnen stellte man, wie überall in Deutschland ein Denkmal auf. Bei meinem ersten Heimat-Besuch in der „Neuzeit“ lag es zerbrochen in Teilen und völlig verwahrlost herum. Man muss es daher hoch anerkennen, dass auf Initiative polnischer (!) Bürger die vollständige Restaurierung stattgefunden hat und im Jahr 2003 die Wiederaufstellung am ursprünglichen Standort erfolgte.

So kann man nun wieder in deutlichen goldenen Lettern auch die zahlreichen Namen meiner betroffenen Verwandten erkennen.

Diesem Platz gegenüber befand sich damals das Duschek-Anwesen (192/Aue) mit seinem ausgedehnten Garten. Alle, die aus unserer Gegend in das Aue-Viertel strebten, mussten dort vorbei. Man wurde hier stets auf ziemlich langer Strecke von einem kleinen Spitz begleitend angekläfft. Das ging natürlich besonders den größeren Jungen´s auf die Nerven, und die fanden die perfekte Lösung des Problems: Man stieg über den Zaun und schnappte sich den Balg. Es kam nämlich jemand auf die glänzende Idee, seine Nase auf Weißglut zu reiben. Das muss dann furchtbar weh getan haben, und die entsprechende Prozedur hat sich das Hündchen für alle Zeit gemerkt. Man brauchte nur - das galt auch und vor allem für uns kleine Buben - beim Vorbeizug die entsprechende Handhabe nachzubilden. Klar, der Hund kam nach einer gewissen Karenzzeit zunächst wieder lauthals zum Zaun gestürzt. Doch nun wurde nur mit der linken Hand der Schnauzengriff geformt und mit der flachen Rechten darauf kreisend gerieben, was vom Bello sofort verstanden wurde und bei ihm sichtlich Phantomschmerzen weckte. Er zog spontan den Schwanz ein und rannte winselnd davon. Diese makabre Abrichtung wurde von uns selbstverständlich bis an sein Ende immer wieder fortgeschrieben. Nun hat auch er ein Denkmal.


Kaninchen und Meerschweinchen in den Sack

Die nahrhafte Praxis des Hasenbratens (obwohl es nur um
Karnickel ging) leitete bei uns zu Hause gezielt wieder zu besseren Mahlzeiten über. Doch sie dauerte leider nicht ewig. Sie währte im Grunde nur so lange, bis alle Boxen in unserem großen Karnickel-Stall mühsam besetzt waren. Das muss man wohl heimlich beobachtet haben.

Die Aufzucht hatte ihre Zeit verbraucht, denn sie musste buchstäblich aus dem Nichts erfolgen. Motor war - wie immer - unsere überaus rührige Mama. (Schon der Bericht von Vilem Jirman
L rückte bekanntlich diese Eigenschaften der kleinen Frau ins Licht.) Nach Katze Minka gelangte jetzt zudem ein weiterer Vierbeiner in meinen Besitz: Ein Meerschweinchen. Das war aber planmäßig nicht zum Essen da, sondern wie einst das Kätzchen ... zum Schmusen.

Eines Nachts störten seltsame Geräusche den Schlaf. Bald versammelten sich alle in meinem Bett, das unter dem hofseitigen Fenster stand, um ängstlich durch die Gardine in Richtung Kaninchenstall zu lugen, denn genau dort spielte sich eine schreckliche Szene im Mondlicht ab. Ein Mann, den wir in der Auswertung des fiesen Diebstahls unabhängig voneinander als unbekannten Polen identifizierten, machte sich dort zu schaffen, während man häufig das heftige Pochen der Hinterläufe hörte, mit dem Karnickel bekanntlich helle Aufregung verraten. Der Mensch schleppte vor unseren entsetzten Augen ein Tier nach dem anderen vorbei, um an der Hausecke im Obstgarten zu verschwinden. Er kam aber bald wieder und bediente sich erneut.
Zuletzt hob er einen Sack auf, das Schwein!

Natürlich wussten wir bald, was hier ablief, und meinem Bruder und mir war zum Schreien zumute. Doch Mama hatte die Chancen und Gefahren schnell erkannt. „Pst! Pst!“, und wir hatten verstanden.

Am frühen Morgen fanden wir sämtliche Ställe offen und leer. Der Räuber hatte sogar mein Meerschweinchen mit genommen und sicher ebenfalls getötet, um sein Fleisch zu verwerten. Diese Arbeitsweise verriet uns ein großer Blutfleck gleich nebenan im Garten. Spätestens mit diesem Eindruck wurde meine Erfahrung im Steigerungssinne relativiert, die vor allem wir kleinen Kinder nach dem Krieg eine Zeit lang vor allem in Strehlen machten. Dort beschimpften und drangsalierten uns nämlich gern ältere polnische Jungen mit folgendem Satz:
Niemieckie swini!! (Deutsche Schweine!!). Mit Schimpf und Schande sollten ausgerechnet wir, die wir nicht einmal die echte Pimpfehre genossen, für die Fehler unserer Eltern büßen. Die erste Gegenmaßnahme war - entsprechend Beschluss im Rat der Mütter - dass ich zeitweise meine Muttersprache verlernen musste. Die zweite Entscheidung fällte ich selbst: Du lernst die polnische Sprache! Darauf und auf die Folgen davon werde ich noch später zurück kommen müssen.


Hasen-Glück und Tombola-Pech

Mama gab schockiert die Kaninchen-Zucht auf, so dass die Ställe fortan ungenutzt blieben. Meine Zuneigung zu diesen Tieren erwies sich jedoch als Erhaltungsgröße. Zumindest esse ich auch heute noch ihr Fleisch gern, während - zu meiner Überraschung - viele Menschen das ganz und gar nicht mögen.

Strehlen und Umgebung erlebten nicht nur weitere Frühlinge, sondern das Leben selbst erblühte zusehendst. Der Sportplatz in der Altstadt wurde aktiviert und bekam sogar eine überdachte Tribüne. Dass dort Fußball gespielt wurde, habe ich bestens in Erinnerung. Man übte auf dem Nebenplatz, ich machte als interessierter Zuschauer in Gedanken mit (denn ich sollte doch noch als Opa aktiv Fußball spielen). Leider verwechselte mich urplötzlich einer der auffälligsten polnischen Akteure mit dem Tor (oder ich hatte ihn falsch verstanden). Jedenfalls traf mich sein Ball mit voller Wucht aus nächster Nähe am Backe.
Boze mui! (Mein Gott!), hätte Mama gerufen. Ich selbst ging erst einmal ein Stück in die Luft, dann zu Boden, um mich schließlich in begründete Weinkrämpfe zu verwickeln. Der Abdruck des Balles war noch lange zu sehen, weshalb ich Tätowierungen zeitlebens als unsozial betrachte und strikt ablehne.

Zum Weinen war mir auch zumute als ich einst in der Tombola auf dem Sportplatz das Große Los gezogen hatte. Polnische Folklore, Budenzauber und Loskisten begeisterten selbstverständlich auch uns landsmännisch im Abseits Untergetauchte. Die Gewinne waren zahlreich auf den Sitzreihen der Tribüne ausgestellt und - wie ich meine - durchweg viel praktischer als heutige einschlägige Auslagen. Das Gedränge war riesengroß. Ich, allein, zog ein Los mit letzter finanzieller Kraft und ... gewann. Irgendwer hinter der Balustrade nahm mir das Papier ab und ließ die Glocke gellend schwingen. Es musste mindestens ein Hauptgewinn sein! Dann kam eine Frau und schleppte am Genick, zappelnd, ... ein großes lebendiges Kaninchen! Ich stand mal wieder völlig entgeistert da. Als sie den Gewinner und seine wehrlose Einsamkeit im Getümmel wirklich schnallte, machte die Hexe kehrt ... ... ... ... ... und brachte mir als Preis eine Schale (!) aus Glas. Nun glich ich eher einem begossenen Pudel. Das war doch erneut Karnickel-Diebstahl! (Selbst die schönsten polnischen Frauen waren mir seither nie richtig sympathisch.) Den für mich völlig nutzlosen „Gewinn“ habe ich nachher meiner Mama halb voll mit Tränen weiter gereicht.

Ein Fuchsbalg für 1.000 Zloty

Bei so viel Elend musste sich ja ein Feindbild entwickeln, was die vierbeinigen Langohren betraf. Sie konnten zwar wahrhaftig nichts dafür, doch ist die Philosophie eines kleinen Jungen, der langsam zum Bengel heran wächst, eine sehr einfache: Mit gefangen, mit gehangen! So hatte ich als Neunjähriger mit diesen Tieren kein Mitleid mehr, als mir mein Vetter im sächsischen Weinböhla erzählte, dass man seinerzeit ganze Kaninchen-Baue ausgegraben hätte, um an das Fleisch heran zu kommen. Ich bedauerte vielmehr, in Schlesien nicht selbst auf diese Idee gekommen zu sein. Nun schweift die Erinnerung wieder in die Zeit zurück, da mein Cousin noch im schlesischen Geppersdorf wohnte, wo seine Eltern ein Haus besaßen. Mama besuchte nach dem Krieg ihre Schwester dort in gewissen zeitlichen Abständen, obgleich der Weg lang und beschwerlich war. Früher konnte man bei dieser Gelegenheit wenigstens noch bei Verwandten im romantischen Eichwalder Gasthof „Zur grünen Eiche“ Zwischenstation machen. Die Deutschen hatten zwar nach dem Bericht von Alfred Kilian
L die Fernstrasse von Strehlen über Friedrichstein nach Geppersdorf geplant, jedoch nicht mehr vollenden können. In Eichwald war jedenfalls Schluss, und der Rest wurde - wie das Endstück der Autobahn von Dresden nach Breslau - ein Opfer des Krieges. Man musste sich von dort aus durch einen sandigen Waldweg quälen, der zudem am buckligen Lehm-Berg entlang führte.

Noch in „Friedenszeiten“ benutzte Mama gern das Fahrrad, um mit uns zwei Buben das Ziel in etwa 6 km Entfernung überhaupt und zudem schneller zu erreichen. Mein Bruder saß auf dem Gepäckträger hinten und ich vorn im Fahrradkorb. Man kann sich also lebhaft vorstellen, dass die Strecke mit mir zu Fuß kaum zu machen gewesen wäre. Auch die Zeit zuvor war tabu, denn für den Kinderwagen hätte man den Vater gebraucht. Der war aber in Russland, und schob allenfalls Sani-Lastwagen, die sich in schlammigen Strassen beim Vormarsch dort öfters fest gefahren hatten (so berichtete er jedenfalls viele Jahre später, siehe Abschnitt „
Pappa, der Krieger“). Mamma soll das Unterfangen zu Dritt auf einem Drahtesel in der Regel mit Bravour gemeistert haben. Doch einmal - und das gehört zu meinen allerfrühesten Eindrücken, die haften geblieben sind - ging es mit uns im Lehmberg-Wald völlig schief. Das Fahrrad verhedderte sich, und alle landeten mehr oder weniger unsanft im Dreck. Diese Geschichte wurde nach dem Krieg zu meinem Ärger gern bei Tscherny´s (34/Kauba-Reihe) in der Runde am heißen Kanonenofen ausgeschlachtet, doch darauf bin ich ja gesondert eingegangen.

Es kam aber die Zeit nach dem Krieg, da auch einmal mein fünf Jahre älterer Bruder mit mir zu Fuß nach Geppersdorf pilgerte. Man passierte dabei viele interessante Stationen. Los ging es über den Wiesenweg (einst Teil der gegen Panzer verminten Hauptkampflinie, siehe Abschnitt „Der Krieg in Hussinetz“) zur Teichreihe. Dann lag mal rechter Hand der damals still gelegte Hussinetzer Granit-Steinbruch (die Polen betreiben ihn jetzt wieder), dessen tiefes Wasser bekanntlich nach dem Krieg zum Massengrab von Waffen, scharfer Munition, nicht entsicherten Minen sowie ... Säcken voller Katzenbabys umfunktioniert worden ist. Nun folgte links der Ziegen-Berg, ein Paradies für unsere Geländespiele. Man kämpfte in zwei gegnerischen Gruppen von Jungen unterschiedlichen Alters nach bestimmten Regeln. Entscheidend war eine Blechmarke, die mit Zwirn am Hosenbund befestigt war. Um diese entwickelte sich letztlich immer ein heftiger Nahkampf, der das Verstecken und Anschleichen im weiträumigen Gelände sowie das Überfallen und Fechten mit Holzschwertern völlig in den Schatten stellte. Wer als erster die Marke des anderen abreißen konnte, hatte gewonnen. „Männer“ ohne Marke waren „tot“ und durften sich am weiteren „Kampf“ nicht mehr beteiligen. Leider war ich einer der Kleinsten, so dass ich meistens nur
Kanonenfutter war. Immer auf der Verliererstrasse ist ein harter Job, aber auch eine Herausforderung für später.

Wir zogen erst einmal schnell weiter, denn jetzt kreiste im Kopf der sagenhafte Apotheker. Das erregte bei unter 10jährigen Jungen allemal haarsträubende Gedanken, obgleich es früh am Tage war. Erst dann kam Eichwald, und man gelangte dahinter bald wirklich in den dichten, dunklen Wald. Dabei handelte es sich ja nun auch nicht gerade um eine Landschaft - mit dem Teufelsberg in der Nähe - die man phantasielos durchquerte. Der Feind konnte überall sein. So erreichten wir mehr oder weniger gestresst den anderen Gehölzrand, von wo aus man bereits die Häuser von Geppersdorf ausmachen konnte.

In diesem Augenblick streunte ein Fuchs durch das Blickfeld. Er entdeckte uns ziemlich spät, so dass ihm der Schreck offenbar tief in die Glieder ging. Nun tauchte er schnell, doch für uns gut einsehbar, in den Straßengraben und in die Verrohrung ab, die man dort wegen des Überganges zu einem Feldweg angebracht hatte. Der Fuchs war definitiv im Rohr! Er kam auch nicht wieder heraus. So zogen wir also ab, nun aber mit einem spannenden Thema im Gepäck. Und ich gebe zu, dass auch ich den Gedanken hegte, den Fuchs zu fassen. Aber wie?

Diese Frage spielte bei unseren Gastgebern - die später ganze Karnickelnester ausgruben - keine Rolle, denn kaum war die Geschichte erzählt, waren wir bereits mit Verstärkung und ... mit einem Kartoffelsack unterwegs. Man wollte vor Ort keine Zeit mit der riskanten Überprüfung verschwenden, ob denn der Fuchs noch da sei, sondern hatte wohl sofortiges Handeln verabredet. Zeitgleich sprangen je ein Mutiger an beiden Rohrenden in den trockenen Graben. Dort, wo der Fuchs hinein gekrochen ist, standen nun zwei Hosenbeine. In der richtigen Annahme, dass das Tier im engen Rohr kaum ein Wendemanöver durchführen konnte, gähnte am anderen Ende ... die weite Öffnung des Sackes. Das Gewebe wurde mit zwei Händen eng an den dortigen Rohrrand gepresst. Nun die weitere Überlegung: Ein Fuchs im finsteren Rohr muss das durch und durch schimmernde Sackgewebe als die große Freiheit wahrnehmen, wenn, ja wenn der Teufel hinter ihm her ist. Potz Blitz, der war nun tatsächlich los, alles schrie um die Wette, man trampelte auf den Boden, auch der mit den Hosen, nur am Sackende herrschte Stille. So musste der schlaue Fuchs annehmen, dass der Teufel
hinter ihm ist. Und wie er das tat! Einer Furie gleich schoss der vermeintlich Verfolgte in den Sack hinein, so dass dessen Halter alle Mühe bekam, die Fäden zu beherrschen und vor allem zu schließen. Nun hing er zugebunden da am starken Arm eines Menschen, während man eine Zeit lang den Eindruck bekam, dass Fuchs und Teufel gemeinsam darin eingeschlossen sind.

Hier tut sich eine Erinnerungslücke auf. Ich weiß nicht mehr, was dann mit dem Fuchs geschah. Jedenfalls war er - ich, erst in Geppersdorf wieder zur Besinnung gekommen - letztlich mausetot. Irgendwer muss ihn irgendwie äußerlich völlig schadlos umgebracht haben, denn ich durfte nach dem Abziehen sein Fell und vor allem den schönen buschigen Schwanz streicheln. Da war kein Makel am Balg, der schließlich bei einem Polen, ich glaube in Steinkirche, satte 1.000 (!) Zloty eingebracht haben soll.

Der Wert des polnischen Geldes war im Ansteigen. Mein allerletzter Zloty reichte im Jahr 1950 sogar für eine Henkersmahlzeit, denn ich konnte mir dafür auf dem Bahnsteig im Abschiedsbahnhof zu Breslau eine kleine Tafel gefüllter Schokolade kaufen. Aber da warteten wir Vertriebenen auf den Zug, der uns über die Oder nach Deutschland zu bringen hatte. Hussinetz, Schlesien, ade!!!

Viele Ratten und eine Mistgabel

In unserem eigenen, hölzernen Freiluft-
Klo zu Hause gab es keine Ratten, im Haus gleich gar nicht. Trotzdem wurde ich nachhaltig mit diesen Vierbeinern konfrontiert.

Es war, wie gesagt, unter den umständehalber männerlosen Frauen mit Kindern üblich, an gewissen Sonntagen „Kriegsrat“ zu halten. Auch wir Langer´s trafen uns dazu in einem Bauernhof, den ich nicht mehr genau identifizieren kann. Es muss, bei Verwandten (Fleger´s?), irgendwo am Ziegen-Berg gewesen sein. (Dort sprachen übrigens die großen Söhne, einer alten böhmischen Tradition folgend, noch die eigene Mutter mit
Ihr an, wie ich mich erinnere.) Fast alle hier Versammelten wussten freilich kaum, wo Ehemänner, Väter, Brüder, Söhne im Krieg abgeblieben sind. Am schlechtesten ging es trotzdem denen, die es wussten. So füllten die tüchtigen Frauen ohne Zweifel mit großer Umsicht eine gewaltige Lücke. Das werden alle bestätigen, die damals die Flucht, die Front, die polnische Landnahme und/oder die Vertreibung erlebt haben. Ich erlaube mir daher noch eine weitere allgemeine Bemerkung: Es gibt Kriegermahnmale und Soldatenfriedhöfe, es gibt jüdische Erinnerungsstätten und wieder aufgebaute Frauenkirchen, an die Folgen des Luftkrieges wird regelmäßig erinnert und man entschädigte und machte wieder gut, kurzum, es wurde und wird viel getan, um das Unrecht eines Weltkrieges auszugleichen bzw. unvergessen zu machen. Doch wo ist das Denkmal für die Frauen und Mütter, die die Suppe im heimatlichen Hinterland auslöffeln mussten?

In den ersten Tagen nach dem Krieg kam es verständlicherweise auch im Dorf und in der Stadt Strehlen zur teilweise sehr heftigen Konfrontation mit den Polen. Wenn Du es nicht selbst erlebt hast, kannst Du es Dir kaum vorstellen, was es heißt, wenn eines Tages ein Fremder kommt und Dein Eigentum einfach so mehr oder weniger vollständig beansprucht! Man nahm - wenigstens als Erklärung spürbar - keine Verhandlungen zwischen Verwaltungen oder so wahr. Die Russen waren im November 1945 kurzerhand abgezogen. Es gab jetzt in Gesiniec nur noch das polnische Recht des Stärkeren. (Als Sieger kann man zumindest aus nachträglicher Sicht die schlesischen Polen freilich nicht bezeichnen, waren sie doch selbst teilweise Verlierer ihrer angestammten Heimat.) Die deutschen Frauen mussten sich also untereinander austauschen, um die neue Rangordnung einigermaßen unbeschadet zu ertragen und sich Verhaltensregeln zu erarbeiten. Eine der Folgemaßnahmen betraf - wie gesagt - auch mich, denn ich mußte ab sofort die deutsche Sprache vergessen. Ich war echt wütend, weil ich bis dahin das Polnische nur aus Hass lernte und dann lieber noch tschechisch sprach. Die alte böhmische Sprache ist mir quasi aus Urvaters Zeiten zugeflogen. Ja, auf dieses Sprachgewirr in meinem Knabenkopf muss ich unbedingt später noch eingehen.

Mein Zorn steigerte sich zunächst einmal, weil nun auch noch vor Ort die Ratten ins Spiel kamen. Wie bei uns musste man auf´s Klo diagonal über den Hof. Allerdings handelte es sich hier im Gutshof um eine deutlich größere Entfernung. Man war daher dort drüben mit jeglichen einschlägigen Geschäften vollkommen auf sich allein gestellt. Die Grundkonstruktion der Lokalität war ähnlich wie zu Hause, nur einige Abmessungen unterschieden sich beträchtlich in Richtung größer. Ich meine da nicht unbedingt den überdimensionalen Lochdurchmesser eines Bauernbalkens (auch im Verhältnis zu meiner damaligen Rückseite), der mir beim Sitzen Angst machte. Zum Festklammern gab es nämlich kaum Greifbares für meine kurzen Arme, und ich hatte ständig Sorge, hinten durch zu fallen. Man saß krampfhaft und asymmetrisch, was ja an dieser Stelle biologisch völlig widersinnig sein musste.

Nein, das Grundproblem war ein anderes. Während bei uns eine kleine, überschaubare Grube als Auffanglager diente, war hier ein riesiger Misthaufen angeschlossen, den reichlich Jauche dekorierte. Und das hatte Folgen für das üppige Leben darin. Noch einmal, bei uns wurde die Grube oft mit ein paar Kübeltransporten völlig entleert. Hier herrschten aber völlig andere Verhältnisse, woran vor allem ... der Krieg schuld war.

Der Bauer fehlte, Kühe, Pferde, Schweine gab es nicht mehr, die Felder waren vermint, also blieb der Mist auf Jahre so, wie er am Tag der Einberufung bestand. Das wiederum führte zur Entwicklung eines eigenständigen, ungestörten Ökosystems, in dem schließlich die Ratten dominierten. Man konnte sie wie mit einer Großbild-Lochkamera beobachten, denn als Wohnung, Kreissaal und Spielwiese hatte sich diese für mich damals äußerst ekelhafte Population ausgerechnet den Randbereich in den Tiefen des
Donnerbalkens ausgesucht. Man stelle sich vor, dreißig Ratten aller Altersgruppen rundum im Abstand von läppischen 0,6 bis 0,8 m vom blanken Allerwertesten! Da war an feststoffliche Entspannung kaum zu denken. Hielt man erbost den Wasserstrahl auf die Biester - ich musste dazu auf das Podest klettern und genau zielen - da rührten die sich kaum, weil sie das womöglich als Duschbad verstanden. (Dass sie eher lähmende Angst haben könnten, kam mir nicht in den Sinn.)

In Anbetracht auch der sonstigen Verhältnisse in ihrem stinkenden Lebensraum schien mir, dass Ratten gar nicht riechen können. Ich jedenfalls konnte den Gestank zusehendst kaum ertragen, und trotzdem zog es mich wiederholt in das hölzerne Gelass. Ich hockte dann oft vor dem Podest und schaute wie gebannt durch diese hölzerne Brille, während im Kopf alle möglichen und unmöglichen Mordkomplotte kreisten.

Mit dieser Grundstimmung schlenderte ich eines Tages anschließend neugierig in die offene Scheune. Ich hielt mich rechts an die bis auf den Durchgang mit seiner Schwelle geschlossene Balustrade der Tenne. Erst nach zwei, drei Schritten hatte ich adaptiert, und da hinten entdeckte ich sie, die riesige Ratte! In geduckter Haltung sinnierte sie offenbar schon lange über ihre Chancen. Hätte sie mein Überraschungsmoment genutzt, wäre sie längst über alle Berge gewesen oder hätte an meiner
Gurgel gehangen, wie es mir meine Phantasie ausmalte. Nun aber musste es zum Zweikampf kommen, zumal sich die Ratte bei ihrer urplötzlichen Attacke konsequent nicht an meine, sondern an die ununterbrochene Kehle von Fußboden und Tennenbalustrade hielt. Sie zögerte allerdings zu lange. Ich hatte bereits die Mistgabel ergriffen, die zufällig neben mir stand, und mit eindeutiger Geste erhoben. Denn auch ich wollte angreifen. So kam mir das Scheusal dahingehend zwar zuvor, doch das nur im richtigen Moment für mich. Ich schlug mit aller Gewalt eines Fünfjährigen zu. Das Eisen traf das Tier ... und es war auf der Stelle tot.

Ein Kalb am Finger

Kühe waren bekanntlich kriegsbedingt äußerst selten geworden. Insofern spricht es diesbezüglich für die aufkommende Morgenröte, dass man bei Tscherny´s (36/Kauba-Reihe) einst wieder einem Kälbchen in die verführerischen Augen schauen und es streicheln konnte. Bald wurde allerdings erkannt, dass man die dummen Dinger auch an der „Nase herum führen“ konnte. Steckte man nämlich den Daumen in das noch zahnlose Maul, dann saugten die wie die Weltmeister!

Auch für uns Dörfler war also Milch lange Zeit ein Fremdwort. Damit entfielen immerhin viele Verführungen der Gegenwart. Heute muss ich, einer starken inneren Triebkraft folgend, bei jedem Bäcker den Mohnkuchen kosten. Die Unterschiede sind ja gewaltig, und man fragt sich, wie Hänschen auf den Geschmack gekommen ist. Nun, das hat echt einen Hussinetz´schen Hintergrund in Form der
Buchtitschken. Man brauchte freilich Milch, Semmeln, Zucker und ... Mohn. Also musste dieser Tradition (vorzugsweise zum Jahreswechsel) erst einmal entsagt werden. Als dann diese Zusammenstellung wieder möglich wurde, sah man damals das Hänschen - und übrigens heute noch den Opa - beim Semmelschneiden und (wörtlich nach Papa, der dahin gehend auch kein Kostverächter war) Pampe-Mischen. Die gefüllte Schale wurde dann mit einem Tuch abgedeckt und abends draußen auf die Fensterbank gestellt, wo nun noch die winterliche Kälte „hinein kriechen“ musste. Am Morgen begann der eigentliche Feiertag mit einem unglaublichen Hochgenuss!

Im Nachkriegsschlesien wurde selbstverständlich irgendwann wieder wie früher Kuchen gegessen, doch hier musste anfangs mit Sicherheit Mamas Zauberkraft helfen. Schlesische Streuselkuchen, Mohnkuchen, sicher ja, aber hier fehlt mir jeglicher Bezug, außer der Erinnerung an die strammen
Dolken (wie Pfannkuchen) und die fetten Liwanzen (wie Eierkuchen), jedes Teil für sich natürlich eine Delikatesse.

Flugtaugliche Objekte der Begierde

Der Spatz in der Pfanne und Tauben unterm Dach

Bevor im Gesiniec des Jahres 1946 auch die Spatzen ausgerottet waren, habe sogar ich von ihrem Fleisch gekostet. Das war zu dieser Zeit keine Schande. Man konnte die flauschigen Gesellen nicht mit der
Schleuder jagen - zu meiner Überraschung hieß diese einst zugelassene Kinderwaffe in Sachsen „Schkozi“, was doch unmittelbar an diesen Vogel erinnert - wenn man sie essen wollte, weil beim Treffer (wie ausprobiert) nicht viel übrig blieb. Und von „viel“ kann sowieso nicht die Rede sein. Wollte man vom Braten noch etwas spüren, mussten einige Streichholz-Knochen unbedingt drin bleiben. Das weiß ich noch ganz genau. Über den Geschmack streite ich dagegen überhaupt nicht, denn den habe ich vollkommen vergessen. Die Gefangennahme des Federbüschels erfolgte vorzugsweise mit einem schräg auf ein Stück Holz gestellten Netz, unter das Getreidekörner gestreut wurden. Zog man am Faden, der am Holz befestigt war, neigte sich das Schicksal der hungrigen Eingefangenen zu Gunsten des Jägers. Allerdings war dies ein seltenes Ereignis bei der dörflichen Umgebung, wo sich doch die Sperlinge lieber auf den Bauernhöfen tummelten und zudem bald das unbestimmte Schicksal der Saurier teilten.

Es bot sich ein-, zwei Jahre später ein Ausweg an, denn die Friedenstauben waren noch ganz aktuell. Wie die grau-bunten Tiere zu uns gekommen sind, weiß ich nicht mehr, nur ihre ungewöhnliche Produktivität und dann wieder ihr Totalverlust bleiben mir ewig im Kopf.

Im Dachgeschoss unseres Hauses gab es am westlichen Giebel eine Kammer. Charakteristisch für die älteren Häuser von Hussinetz belüftete und belichtete dort ein stets offenes kleines Fenster den darüber befindlichen Spitzdachbereich. Es ist verständlich, dass ein Taubenpärchen eines Tages von sich aus diesen Hort als Brutstätte vereinnahmte. Sie begannen auf der linken Seite unter der Dachschräge, ein Nest zu bauen. Wir entdeckten es mit Füllung: Zwei Eier! Irgendwer von uns muss die Ruhe bewahrt und die Gunst der Stunde erkannt haben. Man wartete die Geburt zweier Nacktschnecken ab und beobachtete quasi mit dem Zollstockauge den Wachstumsprozess und die Entwicklung des Federkleides. Dabei ging es keinesfalls um wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern um den richtigen Zeitpunkt. Sie durften vor allem nicht übermäßig flügge werden! Es bleibt nun ein Geheimnis der Altvögel, weshalb sie dann zeitversetzt in der rechten Ecke ein zweites Nest bauten, wieder zwei Eier legten und darauf brüteten, ohne die lebendigen Knäuel gegenüber zu vernachlässigen. Vielleicht haben sie es den gierigen Blicken angesehen, dass da irgendetwas mit ihrem ersten Nachwuchs nicht stimmt. Und wie sie damit Recht hatten! Unser Krisenrat zwei Stockwerke tiefer fasste während der ersten Flugversuche in der linken Ecke den endgültigen Beschluss, und der Zugriff erfolgte ohne Gegenwehr der Taubeneltern. Man hörte sie nur in der rechten Ecke gurren (kein Knurren), was man ja auch als Zustimmung verstehen konnte. So landete diese erste Friedensbotschaft in der Pfanne. Über den Geschmack junger gebratener Tauben lässt sich nicht streiten: Sie sind ganz einfach ein Mahl für die Götter! Von nun an gingen beide Seiten systematisch vor. Die Tauben brüteten im Wechsel rechts und links, und wir bedienten uns mit der entsprechenden Phasenverschiebung. Das ging so in Harmonie einige wenige Jahre. Dann störte jemand den Frieden, denn das ganze Pärchen kam von einem gemeinsamen Ausflug nicht mehr zurück. Dieses gleichzeitige Fernbleiben beider Tauben wurde von uns natürlich zeit- und erfahrungsgemäß damit interpretiert, dass eben ein Jemand gezielt dem Treiben ein Ende bereitet hat, der erwachsenen Vögeln in Topf und Magen den Vorzug gab.

Man war also wieder auf den historischen Boden der Tatsachen zurück gekehrt. Und wenn wir erneut beim Essen sind, so defilieren nun doch einige der sonstigen Speisen an einem vorbei, die dem Nachkriegs-Hänschen zugemutet wurden oder auch sein Leben versüßten. Über die Rapsöl-
Schniete habe ich mich ja schon aufgeregt. Sie steckt in meiner Erinnerung splitterfest wie etwa der Lebertran, den man mir nach der Vertreibung im sächsischen Weinböhla einflößte, um mich zurück Gebliebenem für die Schule fit zu machen. Die echt schlesische Schnitte dagegen, mit Zucker und Wasser, wurde jedoch in den schwersten Zeiten nachweislich zur Feinkost weiter entwickelt. Es gab aber bei uns, Kraft Mamas Initiative und Papas Vorarbeit, noch eine viel süßere Versuchung, doch leider auch das nur vorüber gehend.

Bienen beim Abflug und ... im Auge

Dem hölzernen Bienenschuppen am Rand des Obstgartens gelang die Überdauerung einer ganzen vaterländischen Kriegsfront, was wohl in scheinbar paradoxer Weise - siehe aber
Abschnitt Das Kriegskind erinnert sich - nur der hohen Treffsicherheit deutscher Handfeuerwaffen zu verdanken war. Die zielten nämlich nachweislich nur auf die Rotarmisten in unserem Haus und nicht auf die abwesenden Bienenvölker nebenan.

Wer waren wohl die Erbauer, wer die Betreiber der Konstruktion? (Im Jahr 1900 soll es anlässlich einer Viehzählung 37 Bienenstöcke im Dorf gegeben haben.
L) Irgendeiner meiner Ahnen züchtete also auch nebenbei Bienen, denn das Bauwerk war älteren Datums und absolut fachmännisch ausgeführt und immerhin für 10 Völker ausgelegt. Laut Mama betätigte sich auch mein Vater bis zur Einberufung zum Militär als Imker, doch erinnere ich mich nicht an entsprechende Bauaktivitäten. Ich vermute, die Bienenburg entstand wohl tatsächlich zu Großvaters Zeiten, und ich weiß, dass Mama nach dem Krieg auch an dieser Überlebensfront die Initiative ergriff. Vielleicht waren bis dahin doch nicht alle Bienenvölker ausgestorben. Auf jeden Fall kam wieder vielbeiniges kribbeliges Leben in den Schuppen. Ob sich Mama - mit Blick auf die immer hungrigen Mäuler von uns zwei Kindern - an eine Passage des Gedichtes „Das schlesische Himmelreich“L erinnerte? Es heißt dort bekanntlich unter anderem:

Honigschnieta, doss se klecka,
doß ma mecht de Finger lecka.


Jedenfalls schwirrten bald wieder zahlreich die fleißigen Bienchen glücksbringend durch unseren Lebensraum. Ja, die Honigschnitte wurde für uns Realität, zumindest, nachdem es wieder Brot gab. Die diesbezüglichen Mangelerscheinungen lagen anfangs, wie der Kampf um die Äcker in den Minenfeldern gemäß
Abschnitt unterstreicht, nicht nur daran, dass ausgerechnet die stolze Bäckerei Papesch (167/Aue) ein totales Kriegsopfer geworden war, so dass dieser legendäre Hussinetzer Bäcker gleich nach dem Krieg nach Deutschland ging. Es war halt eher alFM14lgemein der Auszug aus einem schlesischen Gedicht von Albrecht BaehrL angesagt:

Was nuetzt a Brota schien und gruss,
wenn ma Kartuffeln frassa muss.


Das schlesische Himmelreich war also vorerst passe´, und
nischt von wegen

Frassa warn ber wie die Firschta.

Bienen machten natürlich auch Arbeit. Ich sehe mich inmitten der charakteristischen blauen Dunstwolken, die nun einmal notwendig waren, wenn man sich den Tierchen handgreiflich nähern musste oder gar den Honig mopsen wollte. Honig strotzende
Waben schleudern - von Hand - das war jetzt auch für Hänschen angesagt.

Selbst das Liebesleben dieser Spezies brachte Unruhe in unser Nachkriegsparadies. Wenn die schwärmten, stürzten wir mit einem Eimer Wasser und einer Handpumpe hinterher. Regen veranlasst die Königin offenbar zum Landen. Einmal hing der schwarze
Klumpen von, sagen wir, 10.000 Bienen in ziemlicher Höhe an einem Obstbaum in Wittwars Garten (36/Kauba-Reihe) gleich nebenan. Ich sehe mich noch mit einem Gänseflügel in der Hand eine lange Leiter hoch schleichen, um das Ding da oben vom Ast abzustreifen, worauf es in der Tiefe in eine untergestellte Kiste zu fallen hatte. Die Aktion war unheimlich, weil man meinte, dass die herum schwirrenden restlichen, vermeintlich 100.000 Bienen stechen könnten. Das taten die aber nicht, denn Liebe macht blind.

Und wie die bei anderen Gelegenheiten zuschlagen konnten! Allerdings geschah dies immer dann, wenn man unbewusst ein Tierchen in die Enge trieb. So widerfuhr es dem neugierigen Hänschen in Höhe der Einfluglöcher wiederholt, dass die Enge urplötzlich ausgerechnet im Bereich seiner Augehöhlen eintrat. Dann schwoll das betroffene Auge vollständig zu, so dass die reichlichen Tränen in das andere Auge umgeleitet werden mussten, und das Ganze glich hernach schon eher einem Auszug aus dem Paradies. Da half nicht einmal das Wissen, wonach die Biene nach dem Stich sterben muss.

Sicher lag es eher an den politischen Turbulenzen, die dann zunehmend unser Leben bestimmten, und an der Tatsache, dass Mama im Dominium jenseits von Strehlen (Feldarbeiten), im Straßenbau (Pflasterarbeiten!) und zuletzt im Gaswerk der Stadt (u.a. Straßenreinigung) mit harter Arbeit und Abwesenheit bis zum späteren Abend den Unterhalt für unsere Familie besorgen musste, denn die anstrengende Imkerei wurde eines Tages aufgegeben. Der Bienenschuppen verwaiste, und neue animalische Episoden traten in den Vordergrund. Manche liefen allerdings - wie bereits berichtet - auch von Anfang an und zeitlich parallel ab. Doch woher kam zum Beispiel der Gänseflügel?

Die Hausgans musste Federn lassen

Tja, diese jährliche Hausgans, das Tier mit den verständnisvollsten Vogelaugen! Wenn die gewusst hätte, was ihr so kurz vor Weihnachten blüht! Noch heute steht eigentlich sie vor mir, wenn ich glückliche Gänse sehe. Und ich müsste auch im Fall unserer Gans in Mehrzahl sprechen, denn es dürften deren drei gewesen sein - 1947, 1948, 1949 - die wir verspeist haben. Auf dem Hof spazierte aber immer nur eine, eben
die Weihnachtsgans.

Sie lieferte Fleisch, Fett, Federn und ... Flügel (zum Bienen fangen). Und sie war der auffälligste Schwarm auf unserem Anwesen, übrigens auch der meinige, heimliche. Wenn ihr danach war, dann kreischte sie entsetzlich oder sie griff an. Sie konnte auch ganz reizend gurren und eben vor allem
gucken. Am schönsten war jedoch der lange Hals, vor allem wenn man daran allseits mit den Fingern einer ganzen Hand entlang fuhr, was sie aber nicht so gern hatte.

Manchmal übersah Hänschen wohl beim Überschwang dessen eigentliche Funktion, nämlich dass die Gans damit Luft holte. Das bekam ich spätestens bei der vorweihnachtlichen Mast, dem sogenannten
Stopfen, deutlich mit. Das Federviech sollte viel Fett liefern, also wurde in der Spätphase seines jeweiligen Lebens gehörig nachgeholfen. Mama bereitete dazu mit (für mich) geheimem Rezept die länglich-eierartigen glitschigen Teile vor, die die Gans gerade so schlucken konnte (musste), wenn man mit dem Daumen kräftig nachhalf. Dazu bedurfte es einer speziellen Stellung, damit sie nicht türmen konnte. Man saß auf einem Schemel mit dem rückwärtigen Tier zwischen den Beinen, so dass Kopf und Hals nach vorn über die Knie heraus schauten. Daneben stand der Teller mit der „Munition“, sagen wir 25 Stück. Nun wurde beiderseits am Schnabel gedrückt, so dass Öffnen angesagt war, und, flupps, der Happen steckte im Hals. Es half kein Zungenschlag von innen. Besser war sogar, wenn die Zunge gestreckt blieb, sonst geriet sie sofort in die Klemme, denn nun wurde links der Kopf gehalten und mit dem Finger der rechten Hand geschoben. Je nach Gegenwehr vergingen überaus bange Seeeekunden ... für die Gans, während denen ihre Luftzufuhr im wesentlichen unterbrochen war. Die kurze Engstelle im Kopfbereich wurde also mit zentraler Schubkraft überwunden, doch nun folgte die eigentliche Lang- bzw. Durststrecke, der schier endlose Gänsehals. Tierschützer sollten jetzt die Augen schließen. Die Gans tat das auch, und zwar im Wechsel mit durchaus beunruhigenden Luftgeräuschen. Sie entstanden vermutlich durch den Überdruck auf der Körperseite, während man mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand mit festem Griff und starken Seitenkräften außen lang den inneren Pfropfen vom Kopf her nach unten schob. Die unterhalb verdichtete Luft fand offenbar doch noch gelegentlich den Weg nach draußen, so dass sie dann über die tierischen Stimmbänder strich, um schließlich typisch gänseartig zu entweichen. Es klingt da aber noch etwas misstönernes in meinen Ohren nach, das wohl jeder so beim Ersticken von sich geben würde. Die ganze Zeit, seitdem der Klos im Schnabel steckte, hat die arme Gans nämlich keine Frischluft in die Lunge bekommen! Und das Prozedere wiederholte sich dann noch 24 mal in ziemlich schneller Folge, denn welcher kleine Junge hat schon Lust, stundenlang eine Gans zu füttern. Auch hätte die Gans bei Nachfrage mit Sicherheit gesagt, bringen wir es rasch hinter uns. Jetzt, im Nachhinein begreife ich, weshalb die Aufgabe letztlich fast immer bei mir landete. Die anderen hätten wahrscheinlich den Job seelisch nicht durchgestanden. Wer aber ist schon gnadenloser als ein gut motiviertes, stets hungriges Hänschen? Ich erinn

ere an Minkas Nachwuchs.

Und was ist schon
eine tote Gans pro Jahr?
Beim Schreiben dieser Zeilen springt nämlich die Erinnerung plötzlich weit zurück in meine Frühzeit, also lange vor Kriegsende oder, sagen wir, ziemlich kurz nach meiner Geburt. Die Welt in Hussinetz-Friedrichstein schien in Ordnung.

Zarte Gänsefedern fliegen, junge Mädchen kichern, Frauen lachen, dann singen alle gemeinsam die schlesischen (vor allem auch immer noch die alten böhmischen) Lieder: Wir kleinen Gerne-Pimpfe kriechen derweilen unter langen Tischen und dürfen ungestraft zwischen schönen weiblichen Beinen und ebensolchen bunten Röcken herum kriechen. Man konnte die zarten Teile auch ungestraft berühren und riskierte schlimmstenfalls nur ein Aufkreischen der Inhaberin. Haben wir schon gezwickt? Ich hoffe, ja! Au, war das jedenfalls Entspannung pur, und ich vielleicht erst im zweiten Lebensjahr! Die gute weibliche Stimmung scheint mir - aus der Retrospektive - den damaligen Gemütszustand des ganzen deutschen Volkes zu spiegeln: Die Front entfernte sich ja in allen Richtungen.

Vielleicht lag die noch ungestörte Stimmung auch daran, dass die Nachrichten vom Heldentod immer längere Postwege zu überwinden hatten.

Ei, Ei, Ei!

Nun könnte jemand auf den irrigen Gedanken kommen, ich hätte nichts mit Hühnern zu tun gehabt oder gar, es habe in Husinec-Hussinetz-Friedrichstein-Gesiniec keine Hühner gegeben. Dem widerspricht ja die bereits geäußerte Tatsache vom genüsslichen Verzehr von Liwanzen, die zwar notfalls mit wenig, aber doch
nur mit Eiern zu machen waren. Ein noch verfügbares historisches Foto belegt sogar, dass auch unser Anwesen in alten Zeiten ein Hühnerhof war. Ihretwegen musste ja einst sogar der Gemüsevorgarten mit einem Staketenzaun abgetrennt werden, weil das scharrende Federvieh bekanntlich aus jedem Grundstück eine Wüstung macht.

Nein, Hühner gab es auch wieder, allerdings erst nachdem sie in der Nachkriegszeit im Ort erneut angesiedelt worden sind, denn Soldaten entwickelten ja zu allen Zeiten - wie es die Geschichtsschreibung vermittelt - eine besondere Vorliebe zum Hühnerfleisch-Braten, was ich gut nachvollziehen kann. Als die Front vor unserer Schwelle das Dorf teilte, gerieten also auch unsere Eierleger unter Kriegsrecht und daher in russische Pfannen. Von diesem Verlust hat sich nach dem Krieg unsere Kleintierzüchtung nie erholt, und es war somit auch kein Wunder, dass das Hussinetzer Federvieh im Mai 1945 praktisch eliminiert war.

Doch bald verkündete das markante Schmerz-Gegacker nach jeder Ei-Geburt auf´s Neue vom eigentlichen Charakter der Dorfschaft, und die Hähne bestimmten wieder die morgendliche Stimmung sowie die Rangfolge auf dem Hof. Auch hieß es bei uns
Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, dann ..., und die gebeutelten Bauern hielten das für ein Faktum. Irrtum ist möglich, nicht wahr, werte Meteorologen. Oder?

Leider wurde uns bald durch Tatsachen bekannt, dass sich einige hier ansässig gewordene polnische Überlebenskünstler auf das
Zappzarapp von Hühnern spezialisiert hatten. Dem wollten wir keinesfalls Vorschub leisten. Und daher kamen eigene Hühner auf unserem Nachkriegs-Gelände nicht vor, doch dafür fremde.

In der benachbarten - weil männlich - besser gesicherten Bauernwirtschaft, bei Wittwar´s, waren die zutraulichen Zweibeiner jedoch bald wieder zu Hause. Und sie folgten selbstverständlich als einzige noch wirklich freie Dorfgenossen dem grenzenlosen unterirdischen Zug der Würmer. (Die vielen, einst vom Alten Fritz konzessionierten Freiheiten für die Hussinetzer Gründerväter waren demgegenüber längst von den nachfolgenden Herrscherdynastien aufgebraucht worden. So ist es halt, wenn einem aufgeschlossenen König in Form von konfusen Konföderaten, spleenigen Kaisern, eitlen Demokraten und irren Diktatoren lauter Kulturbanausen auf dem Chefsessel folgen.)

Letztendlich berührte das Politische mich freilich damals innerlich nicht im geringsten. Irgendwer hatte mir aber beigebracht, wie man Hühner mundtot macht. Man fing sie mehr oder weniger unauffällig - verfolgte Hühner können ja so schrecklich laut sein - und legte sie auf den Rücken. In dieser physikalisch symmetrischen (!) und politisch günstigen Stellung geben die doch wahrhaftig sämtlichen Widerstand auf und verfallen in bodenlose Apathie. Es könnte wahrhaftig sein, dass ich die eine oder andere (wie meinen Fisch von damals) einfach vergessen habe. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann liegen die noch heute dort, wo Hänschen sie einst abgelegt hat.

Jedenfalls viele Jahre später:
In der Studentenzeit verordnete man uns inzwischen hoffnungsvollen DDR-Bürgern öfters die ungeliebten Ernteeinsätze in der „sozialistischen Landwirtschaft“. Dort konnte ich nun endlich mein diesbezügliches tierisches Wissen an andere weiter geben. So war es eines Tages unvermeidlich, dass wir in Mecklenburg einen ganzen Bauernhof mit etwa 50 Hühnern und Enten quasi „auf den Rücken“ legten. Einige meiner Kommilitonen stellten sich dabei allerdings sehr, sehr ungeschickt an, ich meine vor allem beim Einfangen. Dadurch und auch sonst kam das Federvieh an den unmöglichsten Stellen in der Rückenlage zur Ruhe. Es war daher nach Stunden meine größte Sorge, dass alles wieder auf die Beine kam.

Man könnte somit den erfreulichen Eindruck gewinnen, mein Verhältnis zu den kleinen Tieren habe sich entscheidend zum Positiven gewendet. Doch dieser Schein trügt, denn man verpasste mir nämlich aus ganz anderen Anlässen - vielleicht auch etwas zu Unrecht - auf mecklenburgischen Äckern den Titel „Der Hasentöter“. Wer weiß, ob die Welt je Näheres über die Hintergründe erfährt, doch eines steht fest, dort oben im hohen Norden der Deutschen Demokratischen Republik gab es unheimlich viel Kartoffeln und - bis zu meinem Auftritt - noch jede Menge Feldhasen. Einige davon landeten doch tatsächlich, dank meiner in Schlesien erworbenen jagdlichen Fähigkeiten, in der ohnehin bodenlosen Studentenpfanne.

Epilog

So gestört stellt sich also das Verhältnis von Hänschen mit den kleinen Tieren dar. Da kann man nichts machen. Manche nennen so etwas erlebte Geschichte. Insofern sind auch die Peinlichkeiten unvermeidlich, vor allem wenn sie mit Nennung von Ross und Reiter, sprich Namen und Adressen, daher kommen. Denn auch sie sind inzwischen unverrückbarer Teil einer tierischen Historie von Husinec- Hussinetz- Friedrichstein- Gesiniec geworden.

FM 14.04.2008