Aus den Jahren 1956 bis 1960

Vom Schicksal meiner besten Freunde ... und Schulkameraden

(Auszüge aus den Memoiren von Hans-Dieter Langer, Niederwiesa)

Ein Freund gehört unbestritten zu den wertvollsten Schätzen, die der Mensch besitzen kann. Die besten Freunde sind somit stets eher ein seltenes Glück. Ich habe zudem die Erfahrung gemacht, dass dieses einem langsam gegeben, aber auch plötzlich und leidvoll genommen werden kann. Und dies erinnert mich gleich vier Mal ausgerechnet an ehemalige Mitschüler am heutigen Franziskaneum zu Meißen. Sie alle werden niemals mehr zu Klassen- oder Absolvententreffen kommen können, denn sie sind mit etwa 30, 40, 50 und 60 Jahren viel zu früh ihrem Schicksal erlegen. So bleibt mir, an dieser Stelle wenigstens anekdotisch an sie und ihr Umfeld zu erinnern.

 

So manche Fete und das Abitur im Jahr 1960 haben wir von den Klassen 12A und 12B1 bis 12B4, also über 100 Schüler, noch gemeinsam gefeiert, doch danach ging jeder seiner Wege.

Endlich Frei

Mit dem Abitur-Zeugnis im Jahr 1960 ging ich in die große Freiheit des Lebens (Vielen Dank, lieber Andreas, 12B2, für die Aufnahme - und Entwicklung in damals eigener (!) Dunkelkammer - dieser bezeichnenden Geste.)

Ein völlig neuer Lebensabschnitt hatte für alle begonnen, und ob die Freundschaft anhalten würde, nun, das konnte erst die Zeit mit sich bringen. Ich nenne zunächst die Namen in jener zeitlichen Folge, in der ich die betreffenden Freunde aus der gemeinsamen Schulzeit in Meißen verloren habe: Gertrud, Hanns-Dirk, Hermann und Herbert. Ich benutze nur die Vornamen und werde nur wenige weiterer Mitschüler nennen, obgleich sich solche bei Ereignissen selbstverständlich
fast immer und manchmal zahlreich beteiligten. Es war schließlich unsere schönste Jugendzeit, die uns „Kriegskinder“ zudem durch die Schule vorerst untrennbar miteinander verbunden hat. Der urbane Spalt, der sich zwischen den Fraktionen der Dörflichen und der zahlenmäßig dominierenden Partei der Urmeißnischen anfangs auftat, wurde durch die gemeinsamen Lernprozesse sowie die gemischten  Kultur- und Sportaktivitäten bald überbrückt. Dabei fällt zumindest in der Rückschau u.a. ein bemerkenswertes Zugeständnis der „Ausländer“ auf: Man übernahm gern die Spitznamen, die offenbar bereits in den Meißner Grundschulen geprägt worden sind und dann spontan auf den Ratsweinberg übersprangen. So wurden die „Bandy“, „Specht“, „Tiddi“, „Vettl“ ... innerhalb unseres Gymnasiasten-Jahrganges so unsterblich, dass ich mich hier teilweise nur dieses Erkennungsmerkmals bedienen kann. Tatsächlich, viel seltener wurde den ländlichen „Gästen“ diese - damals meist koseisch wirkende - Ehre zuteil.

 

Schaut man heute als alter Mann zurück, so ist man natürlich geneigt, rein chronologisch vorzugehen. Das ist auch gut so, denn etwa eine Rangfolge wäre hier völlig fehl am Platze. Naturgemäß ist die Erinnerung scheinbar umso lückenhafter, je weiter man zurück schauen muss. Doch gibt es auch jenen überraschenden Effekt: Je mehr man sich (im Alter) bemüht, desto detaillierter können die grauen Zellen die Erlebnisse auch wieder hervor treten lassen. Man muss nur zur Feder greifen. Und was macht es schon aus, wenn der einen oder anderen Pointe verbal etwas nachgeholfen werden muss?

Unvermeidlich ist es zudem, dass sich die eigene Rolle in diesem aus der Ich-Sicht geschilderten, historischen Geschehen sogar in den Vordergrund drängt, doch möchte ich damit trotzdem nur als tristes Fundament das hiermit errichtete Denkmal der Freunde und Schulkameraden tragen.

Meissen

Mit diesem ausgesuchten Motiv - also dem Blick vom Ratsweinberg, auf dem im Jahr 1908 das Franziskaneum errichtet worden ist - sagte unser Russischlehrer Steuer („Ich reiß´ Euch den Arsch bis zum Stehkragen auf!“) am 19.12.85 seine Teilnahme am Treffen der Klasse 12B4 im Ratskeller von Meißen zu.

Herr Steuer

Herr Steuer einst (beim russischen „Roulett“)

Gertrud, die aus der Hand die Zukunft lesen konnte

Wir waren eine Clique, die gern mal da, mal dort eine Party feierte. Das war damals fast stets in heimischer Umgebung eines unserer Mitglieder, so dass wir unser Einzugsgebiet auf Meißen, Niederau, Weinböhla und Coswig ausdehnten. Gertrud wohnte in Niederau gegenüber vom historischen Bahnhofsgebäude. Auf  Gertrud wurde ich nicht etwa aufmerksam, weil sie meinte, die Zukunft aus der Hand lesen zu können, sondern weil sie ein für meine Begriffe überaus einnehmerisches Wesen hatte. Sie konnte fesselnd erzählen, hörte aufmerksam zu, und ... sie war von einer faszinierend sanften Art.

Gertrud

Ein letzter Blick in die schönen Augen von Gertrud (beim ersten Klassentreffen)

Wenn das „Aus der Hand lesen“ Sinn machen würde, hätte sie das kommende Unglück in ihren eigenen Handlinien voraus sehen müssen. Welche ernsthafte Mühe gab sie sich doch, um uns neugierigen Teenagern die Bedeutung der verschiedenen Furchen in den Handflächen nahe zu bringen! Der abergläubische Gaudi war abendfüllend und perfekt, doch keiner wollte so recht an das Kommende denken, sondern das momentane Leben in vollen Zügen genießen. Hatte doch der Bio-Lehrer Noack längst überzeugend verkündet, dass ab sofort sämtliche Lebenskurven nach unten gingen. Auch war es unseren Kunsterziehern Breuer und Dr. Brückner (Zeichnen) sowie Schmidt (Musik) längst gelungen, ungeahnte Phantasien zu wecken.

Übrigens verband mich mit Gertrud keine Spur von Liebe, sondern eben das zarte Sprießen einer Freundschaft. Selbstverständlich waren zu dieser Zeit und an dieser Schule Liebeleien auch für mich an der Tagesordnung. Doch Gertrud? Nein, sie war gleichaltrig, scheinbar unsportlich, auch nicht sonderlich hübsch, sondern eben geheimnisvoll, belesen und ... sie konnte zuhören. Es sollte keiner glauben, dass wir damals als 17-Jährige keine Probleme hatten. Doch lösen musst Du Deine eigenen schon selbst. Gertrud hörte zu, und Du konntest den Weg, der weiter führte, in ihren dunklen Augen ablesen.

Wir hatten manchen Spaß miteinander, insbesondere dann, wenn man sich über Mitschüler und Lehrer lustig machen konnte. Ei, wie hoch im Kurs stand dahingehend das Mädchen M. in unserer Klasse, das in der ersten Reihe links sitzend, ausgerechnet dem Mathe-Lehrer Fröhlich öfters in die Kulleraugen fiel. Wie der mit ihr umging! Denn die M. trug eine Brosche mit seltsamer Symbolik. Und ihr Ausschnitt war stets verwirrend angemacht. Ich fürchte, mein alternder Fröhlich war da sehr, sehr anfällig.

Mathearbeit.
Alle schwitzen an irgendwelchen Unlösbarkeiten.
Der schier kugelrunde Fröhlich - wie immer im Höhepunkt seiner Macht - thronte, scheinbar völlig unbeteiligt hinter einer riesigen Zeitung auf seinem Stuhl.
In Wirklichkeit besaß der alte Fuchs lange Ohren wie ein Hase, um jedweden „Gedankenaustausch“ im Keime zu ersticken.
Daher nur Stuhlknarren.
Sonst fast nichts.
Es gab aber welche, die schlecht mit dem Spickzettel umgingen.
Auch diese Schwäche wusste Fröhlich zu bekämpfen.
Die ziemlich starke Brille fokussierte nämlich die ganze Zeit auf ein kleines Loch im Druckpapier.
Plötzlich, alles zuckte zusammen: „M., sie hat ja eine Schlange am Busen!
Die Klasse tobte ...
und Fröhlich musste die Arbeit wiederholen.

Ich mochte diesen Lehrer sehr, wodurch mir wohl Mathe besonders leicht von der Hand ging. Doch wünschte ich ihm trotzdem alles Gute als er ausgerechnet im Abi-Jahr 1960 nach Westdeutschland türmte. Das war zudem der Beweis, er hatte die Zeitung wohl nie wirklich mit Interesse gelesen! Musste er ausgerechnet in dieser Zeit die DDR „überholen ohne einzuholen“? Paradoxer Weise empfanden das viele Mitschüler eher als Verrat an ihren angeblich latenten Mathe-Interessen.

Nach der Oberschule verlor ich Gertrud aus den Augen, bis ich hörte, dass sie in der Hohen Tatra beim Bergsteigen tödlich abgestürzt sei. Von wegen unsportlich, oder doch? Trotz des Abstandes und obgleich mein Berufsleben inzwischen in Gang gekommen war, hat mich diese Nachricht sehr erschüttert. Schöne Erinnerungen an die Schulzeit wurden zudem wach.

Ich arrangierte für mich die Teilnahme an einer Fachtagung in Spindlermühle (Spindleruv Mlyn), um mich von da aus auf die Suche zu begeben. Es gibt nämlich in der Hohen Tatra einen Bergfriedhof, in dem Gertrud - wie viele ihrer verunglückten Schicksalsgefährten - begraben worden ist. Den Friedhof habe ich damals sogar gefunden, doch nicht die Grabstelle von Gertrud. Tiefer Schnee hatte alles im Griff. Im gleißenden Sonnenschein waren trotzdem einige Schrifttafeln frei geschmolzen. Ich bekam also wenigsten annähernd eine Vorstellung von dem Unheil, das meine Freundin viel zu früh ereilt hat. Ich war so betroffen, dass ich in der Folgenacht mutterseelenallein bei Mondschein ganze zwei Stunden lang einem Berg-Trampelpfad bis über die Baumgrenze hinaus folgte. An jeder Ecke sträubten sich die Haare, denn immer wieder erinnerten unwillkürlich einzelne Fichten im Schnee bei fahlem Mondlicht an die örtliche Geisterwelt, zu der nun auch schon lange Gertrud gehört, obgleich sie in die Zukunft schauen konnte.

Hanns-Dirk, dessen Vater mich auf die berufliche Bahn brachte

Man muss sich einen großen kräftigen Burschen vorstellen, Brillenträger, schwarzhaarig, kleinlockig, mit lauter, männlicher Stimme. Im tiefen Kontrast steht dazu jener fatale Satz von ihm, der mir bitter in den Ohren klingt: „Was ich auch tue, ich greife immer in die Sch. ...“.

Hanns-Dirk

Der überaus sportliche Hanns-Dirk starb durch Herzinfarkt ... beim Tennisspiel

Hanns-Dirk kannte ich bereits seit der Grundschule in Weinböhla. Man konnte von bestimmten Fenstern der Schule aus sein vornehmes Wohnhaus sehen, das seinen Eltern gehörte. Unter dessen Dach haben wir im 12. Schuljahr zu dritt wie die Weltmeister für das Abitur gebimst. Da waren wir bereits tiefer befreundet, und diese Freundschaft sollte fünf Jahre lang beim gemeinsamen Studium in Dresden weitere Nahrung beziehen. In Meißen besuchten wir getrennte Klassen, weil sich Hanns-Dirk für Englisch und nicht, wie ich, für Französisch entschieden hatte.

So lernte ich immerhin unseren Dr. Gasch kennen, der Englisch und Französisch lehrte. Das war vielleicht ein exakter Mensch, mein lieber Mann! Fast jede zweite Stunde gab es eine Arbeit. Man muss ja dabei bedenken, dass er dadurch sein halbes Leben lang mit dem Korrigieren von Schülerarbeiten verbracht haben muss. Er hat zudem jede Ungenauigkeit gefunden ... und mit hohen Zahlen bestraft. Ein einziger Fehler, und die „1“ war passe´. Mein Interesse für Sprachen war übrigens sehr ausgeprägt, denn ich habe im Leben mit „Freuden“ sechs verschiedene gelernt, abgesehen davon, dass ich Deutsch zwei Mal aufnehmen musste. Deshalb stieg ich auf Dr. Gasch´s Allüren auch voll ein. Mit keinem Fach habe ich mich in der gesamten Meißner Schulzeit konsequenter und ausgiebiger beschäftigt als mit Französisch, denn ich wollte Dr. Gasch bezwingen. Man musste ja dazu mindestens zwei Dinge vollkommen unter Kontrolle bringen, Vokabeln und Grammatik. Die für viele damals quälende richtige Aussprache lag für mich, mit Verlaub, quasi bereits in den Genen. Also kein Aufwand. Französisch ist eine überaus elegante Sprache. Um die Vokabeln zu 100% - bei Gasch gab es keine Alternative - einzutrichtern, machte ich eine Erfindung. Am Ende lagerten Tausende kleiner (gleich großer) Zettelchen vollkommen gemischt in einer großen Blechdose: Auf einer Seite stand das deutsche, auf der anderen das französische Wort. Nun wurde wie bei der Tombola blind gezogen, und zum in beliebiger Sprache abgelesenen Wort musste die genaue Antwort in der anderen kommen; Kontrolle bitte rückseitig. Und das ging so bis zum Erbrechen. Trotz alledem stolperte ich die ganzen Jahre lang zur Belustigung meiner Mitschüler wie ein Transistor ständig zwischen „1“ und „2“ herum. Und da kam es ja zum Abschluss auf den Mittelwert an. Dr. Gasch war nämlich auch ein gnadenloser Kalkulator. Letztlich erlitt ich gegen den ausgezeichneten Lehrer eine verdiente Niederlage. Die erzielte 1,45 rundete er nämlich konsequent auf 1,5 auf, und somit erhielt ich - von Dr. Gasch mathematisch korrekt bestimmt - meine einzige „2“ im Abiturzeugnis.
Hanns-Dirk konnte diesen meinen „französischen“ Eifer nur belächeln.

Umso ernsthafter widmete sich der Charmeur dem Tanz. Während jeder werdende Abiturient selbstverständlich die Tanzstunde absolvierte, legte Hanns-Dirk einen oben drauf: Er besuchte auch die Tanzstunden für Fortgeschrittene. Die vornehmen Verrenkungen auf dem damals in Anfängen ziemlich „sozialistisch“ angehauchten Parkett machten ihm offenbar sichtliches Vergnügen. (Auch ich tanze gern - und er wollte unbedingt, dass ich mit mache - doch ging ich seinerzeit lieber auf die über 40%ige „freie Wildbahn“, um dazu zu lernen.)

Tanzstundenball

Der Tanzstundenball vereinte Schüler aller Klassen unseres Jahrganges, zudem auch einige Mädchen von außerhalb: 1 Hanns-Dirk aus der 12B3, 2 meine Wenigkeit und 3 Klaus aus der 12B4, soweit mir die Namen einfallen

Danach war dem Hanns-Dirk aber in einem Urlaub in der Hohen Tatra ganz bestimmt nicht zumute, als ihn ein ausgewachsener Bär in der Wildnis verfolgte. Sie waren zu Zweit bei einer Gratwanderung, links und rechts Latschenkiefern. Da tauchte der Bär auf und nahm sofort Kurs auf sie.
 
Der Eine rannte geistesgegenwärtig auf dem Pfad einfach davon.
Mein Hanns-Dirk schlug sich nach links in die Büsche.
Das war nun aber die Heimat des Bären.
Der nahm gelassen die Spur auf, genauer, die Witterung.
 
Hätte Hanns-Dirk geahnt, dass dem Meister Petz nicht gerade nach reinem Fleisch war, hätte er schon früher gehandelt. So musste er zunächst eine anhaltende Todesangst über sich ergehen lassen, als er endgültig im Gestrüpp hängen blieb und sich der Bär unaufhaltsam weiter näherte. Hanns-Dirk lehnte sich quasi mit dem letzten Aufgebot über eine unnachgiebige „Latsche“ und bot dem Tier zum Glück die Rückseite zur Mahlzeit.

Dort trug er nämlich eine Tasche mit Verpflegung, insbesondere mit Schnitten. Erst als der Bär - der den vermeintlichen Todeskandidaten ständig mit der Schnauze traktierte - offenbar zu erkennen gab, dass er die Tasche nicht allein öffnen kann, schnallte mein Hanns-Dirk.
Aber immerhin.
(“Verschlungene Wege der Erkenntnis.“, pflegte der schmächtige „Flit“, unser geschätzter Klassen- und Deutschlehrer Peukert, zu sinnieren.)
Hanns-Dirk, ein Glück im Unglück, besaß darüber hinaus nun noch die Geistesgegenwart, selbst die Tasche zu öffnen.
Er warf die Schnitten hin.
Und der Bär stürzte sich darauf, und trollte sich dann.

Flit

Herr Peukert, genannt „Flit“, war unser geschätzter Klassenlehrer (hier mit mir im Bild)

So etwa erzählte mir mein Freund Hanns-Dirk, wie er mit eigener Kraft erst einmal dem Tod von der Schippe gesprungen sei. Sein wirklicher Leidensweg hatte jedoch eigentlich längst begonnen, indem er sich ausgerechnet in eine Russin verliebe. Hier kam es zur Kollision mit seinem konservativen Vater, der genau wusste, welche Bedingungen die Frau erfüllen sollte, die sein Sohn zu heiraten hatte. Es folgte tatsächlich das totale Zerwürfnis mit seinen Eltern, denn die Trennung von der Russin kam leider zu spät. Doch weitere Frauengeschichten gingen auch nicht gut. Nun, auf sich allein gestellt, mag ihm wieder sein fataler Lehrsatz ins Gedächtnis gekommen sein, den ich oben zitiert habe. Jedenfalls trieb Hanns-Dirk ein ausgeprägter Ehrgeiz an, der mich ja ebenfalls für´s Leben so erfrischend mit fortgerissen hat, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Mit diesem Hintergrund aber spielte er offenbar im Jahr 1982 Tennis bis zum Umfallen.
Ja, er fiel mitten im Spiel um.
Herzinfarkt.
Tot!
Im Friedhof zu Radebeul liegt er nun.

Der Zufall will es, dass auch Angehörige von mir eine Gräberreihe weiter begraben sind. So kann ich ihn ziemlich oft besuchen. Dann kreist immer wieder die Erinnerung im gemeinsamen Dreieck Weinböhla, Meißen, Dresden. Ja, sein Vater, der alte Doktor der Physik, hatte uns alle drei Abi-Bimser (Hanns-Dirk, Gerhard und mich) unter seinem Dach im Netz seiner faszinierenden Fachdisziplin unlösbar verfangen. Und um ja nichts anbrennen zu lassen, fuhr er uns gleich noch mit eigenem Auto zur Einschreibung an die damalige Technische Hochschule in Dresden, was er übrigens auch selbst so festgelegt hatte. Im Übereifer hätte er sogar kurz vor dem Ziel auf eisglatter Strasse beinahe noch mit uns einen Unfall gebaut. Doch wir, die wir übrigens damals nicht im geringsten ahnten, Franziskaner zu sein, mit Physik-Lehrer Köhler´schem Wissen vollgetankt, kamen letztlich gut an, um pünktlich im Jahr 1965 auch durch die letzten Klippen eines überaus spannenden, nicht immer leichten Studiums zu schippern.

 Koehler        Olawski

Schaut hier der (einem Kennedy ähnliche) Physiklehrer Köhler etwa neidisch auf die Utensilien seines damaligen Kollegen Olawski?

Rückbesinnung: Man stand 1960 im zweiten Stock der erweiterten Oberschule zu Meissen vor einer Tafel. Da waren viele, viele Studienangebote aufgeführt. Uns drei lockte infolge der Magie des Alten Doktors - sowie inzwischen auch aus innerer Überzeugung - nur die Physik.
 
Vorschau: Nun ist einer von uns, der Gerhard, im Jahr 2009 sogar noch aktiver Professor an der Fachhochschule Emden. Auch ich, inzwischen im Ruhestand, wollte einst ein solcher werden, schaffte es aber nur bis zum Hochschuldozenten an der Technischen Universität Chemnitz.
Und was wäre aus Hanns-Dirk geworden, wenn ...?


Hermann, mein sportlicher Maßstab

Seine Familie wohnte als Untermieter im Haus von Hanns-Dirk in Weinböhla. Hermann war jedoch Mitschüler in der gleichen Klasse der Grundschule, nachdem ich infolge Vertreibung aus Schlesien und Aufarbeitung von erheblichen Rückständen hier in Sachsen eine neue Heimat fand. Ich musste ja mit 9 Jahren erst wieder die deutsche Sprache lernen, durfte dann eine Klasse mitten im laufenden Schuljahr überspringen (wer das nicht erlebt hat, kann sich nicht vorstellen, was das für einen Gehirn-Schock bedeutet) und konnte dann erst, eben in Hermanns Klasse angekommen, im Lernen mächtig Gas geben. Die Motivation war außerordentlich hoch, denn als von Haus und Hof in Schlesien Vertriebene standen wir in Weinböhla vor einem Nichts. Zu den Lehrern, die mich, wenn auch streng, in dieser wichtigen Lebensphase entscheidend gefördert haben, gehörte Herr Marx. Er gab sogar bei der Klassenkameradin Anneli im Garten - Marx war ihr Onkel - Sonderstunden in Mathe, an denen ich mich beteiligen durfte. Ihm bin ich für alle Unterstützung besonders dankbar. Wenn ich mich recht erinnere, haben Hermann und ich ihn trotzdem gelegentlich so gereizt, dass er mit dem Schlüssel nach uns warf. Auch zog er gern strafend am Hosenbund nach oben, so dass man auf die Zehenspitzen steigen musste. Mein selbstsicherer Hermann hat ihm einst darob auf die Hand geschlagen. Da konnte man Marx` Erregung anhand seiner intensiven roten Farb-Einheiten im Gesicht besonders eingehend studieren.

Klasse 9

Aus diesem „Männerverein“ (Klassenstufe 9) möchte ich namentlich folgende Namen hervor heben, mit denen einen Weinböhlaer natürlich besondere Beziehungen verbanden: Klaus (später B3), obere Reihe ganz links; Gerhard (später B3), obere Reihe 4. von links; meine Wenigkeit und Hermann (später B4), Mittelreihe 2. bzw. 4. von rechts; Günther (später B3), untere Reihe 1. von links. (Natürlich verbindet einen auch so manche Erinnerung mit den anderen. Es ist beinahe so als wäre das alles gestern gewesen.)

  Klasse 12B4
 
Unsere Französisch-Klasse B4: Hermann (Mittelreihe, 2. von rechts und Bild rechts unten) war stets mitten unter uns, doch nach der Schule zog er sich gänzlich zurück. Weitere, die im Beitrag genannt werden: Herbert, obere Reihe, 1. von links; Gertrud, untere Reihe, 2. Mädchen von rechts, Herr Peukert, untere Reihe, 1. von rechts; meine Wenigkeit: Mittelreihe, 4. von links.

An die vielen Querverbindungen zu den anderen Klassen unseres Jahrganges möchte ich an dieser Stelle erinnern, indem ich nachfolgend sämtliche weiteren Klassenfotos (insbesondere aus der Kamera und „Fotoküche“ von Andreas) aneinander reihe. Jeder der abgebildeten jungen Menschen hat es ja eigentlich verdient, mit einer Story erwähnt zu werden. Sie alle leisteten ihren Beitrag zur Entwicklung (pardon, ich sagte nicht zum Untergang!) der DDR oder machten gar nach abenteuerlicher Flucht Karriere in der Bundesrepublik, sind erfolgreich Omas und Opas geworden, tragen jetzt graue Haare und sicher viele Rückbesinnungen, auch so mancher ist bereits verstorben. Ich möchte an dieser Stelle aber nur eines heraus greifen: In den Fotos mag nämlich ein Unterschied auffallen - der Mädchenanteil in den Klassen. Mann, hatten die in der B1 eine Auswahl! Daher sei es mir verziehen, dass ich - gewissermaßen stellvertretend für alle Ladies - zuletzt noch ein Foto der jugendlichen Schönheit widme: Anemone.

Klasse 12A

Klasse 12B1

Klasse 12B2

Das waren die anderen Klassen in der Stufe 12. Ab dem 10. Schuljahr wurden die Klassen neu gemischt, was vor allem durch den jeweiligen Sprachenschwerpunkt bestimmt war: A Latein, B1 bis B3 Englisch, B4 Französisch. In den Bildern sind auch die weiteren Klassenlehrer zu sehen: 12A/Stein (Deutsch), Mitte; 12B1; 12B2/Steuer (Russisch), untere Reihe in der Mitte. (Das Foto der Klasse 12B3 fehlt mir leider noch. Kann mir das jemand zusenden?)

Anemone

Anemone (12B4), berückend mit ihren 16 Lenzen

Nun zurück zu Hermann. Die besondere Freundschaft bahnte sich anfangs nur langsam an, denn wer wollte schon mit so einem Vertriebenen-„Polaken“ zu tun haben. Umso dankbarer nahm ich Hermanns Zuneigung an, die sich gewissermaßen athletisch, in der Freizeit entwickelte. Allerdings erwarb er sich bereits erste Lorbeeren im Turnen, während ich gerade mal letzter Handballer im einschlägigen und erfolgreichen Team zu Weinböhla wurde. Uns beide vereinte eigentlich nur im Winter das gleiche Hallendach in der Schule. Doch man konnte stolz und wechselseitig über die eigenen Fortschritte berichten.

Um ein Haar wäre ich mütterlicherseits Fleischer und väterlicherseits Rundfunkmechaniker geworden. Beides passte jedoch nicht unter meinen Hut. Da trat - engelsgleich - die Grundschul-Lehrerin Bayer auf und vermittelte meinen Eltern, dass ich unbedingt auf die Oberschule muss. So kam es, dass fast täglich Hermann, Hanns-Dirk und ich mit den Fahrrädern nach Meißen kurvten. Die lange Gerade ab Niederau gehörte uns, denn wann kamen da schon mal ein Pferdewagen, ein Bus oder gar ein Auto? Dafür wurde Skat gespielt! Ich glaube, der akrobatische Hermann war für das Mischen zuständig.

Immerhin konnte ich den Hermann für Französisch begeistern, so dass er auf seine Weise mein Lehrer-Gasch-Schicksal teilte. Inzwischen hatte ich in der Leichtathletik sportlichen Fuß gefasst. Hermann turnte noch immer. Er wollte jedoch zum Segelfliegen und drängte mir den Traum vom Fallschirmspringen auf. Meine Güte, das fehlte mir gerade noch, der ich lieber andere fliegen ließ (Speere, Kugeln, Disken, Hämmer, leider auch Keulen). Landete der Schlagball in der Grundschule schon mal weit jenseits der 80 m, so versuchte ich wenigsten den unmilitärischen Speer in die prozentuale Nähe dieser Entfernung zu schleudern. Zum Glück für uns entriss ein Ohrenleiden den Freund vom drohenden Dienst in der Nationalen Volksarmee, was natürlich als Voraussetzung für die Flieger-Laufbahn galt. Nun stürzte sich Hermann noch intensiver in den aufkeimenden Turn-Leistungssport (er wollte jetzt Sportlehrer werden), und auch ich war von seinem aeronautischen Traumwunsch entlastet.

Unsere fachliche Gemeinsamkeit entdeckten wir in Geschichte. Immerhin saßen wir wie in Weinböhla auch in Meissen auf einer Schulbank. Der „Gedankenaustausch“ bei schriftlichen Arbeiten war somit ohnehin Pflicht. Allerdings nicht in alter Geschichte, denn da waren wir beide gut. Außerdem sorgte der bestens informierte Lehrer Fritzsch für die nötigen Eselsbrücken: „Drei, drei, drei, da gab´s bei Issos Keilerei.“ Aber im Lernfach Chemie konnten wir uns bestens ergänzen ... und belustigen, wenn der engagierte Lehrer, Dr. Rößler, seinen fleischigen Mund einzigartig zum charakteristischen Oval der „Ooooleoglyzerinsäureesther“ formte.

Indessen schmiedeten die Sportlehrer Paul („Pauline“), Rabe und Faust eine Leistungsriege im Turnen, an der mein Freund sofort beteiligt wurde, was wiederum mich anspornte, über diese Disziplin nachzudenken. Ich war inzwischen durchtrainiert und ein richtiges Muskelpaket. Meine Wachstumshormone hatten sich (leider) bei 1,72 m Körpergröße zurück gezogen, so dass ich hingegen für Reck und Barren wie geschaffen schien. Also rein in den Konkurrenzkampf mit Hermann! Fortan hatte ich an drei Fronten wöchentlich 5x Training (Leichtathletik bei Stahl Coswig, Handball bei Fortschritt Weinböhla, Turnen in der Leistungsriege) und mindestens irgendeinen Wettkampf am Wochenende, denn ich wurde nun auch in die Turn-Leistungsriege der EOS Meißen aufgenommen, mit der wir sogar Bezirksmeister/Dresden aller Oberschulen geworden sind.

Rabe  Faust

So wirkten sie, die Sportlehrer Raabe (links) und Faust: Der eine eher schwammig und hintergründig, der andere muskulös und polternd. Doch der eigentliche Erfolgstrainer der männlichen Turner-Leistungsriege war Raabe, der Mann von altem Schrot und Korn.

Ausflug

Gemeinsame Ausflüge erhöhten die sportliche Motivation, die bei uns Jungs bis zum Meister im Bezirk Dresden führte: 2. von links - Herr Rabe, 7. von links - Frau Paul; dazu einige Mädchen und Jungen (mittlere bzw. rechte Gruppierung) der EOS-Leistungsturner(innen); rechts außen - meine Wenigkeit

Frau Paul

In der Turnhalle fanden oft Wettkämpfe statt: Hier Mitglieder der Mädchen-Riege, in einer Pause, bei bester Stimmung - Frau Paul (im Vordergrund) umgeben von ihren Schützlingen

Maedchenriege
 
Na ja, da war (auch für mich) so manche süße Biene dabei, nämlich zum Beispiel - soweit ich sie noch kenne - Ines (1. von links), Dorothea (3. von links), Wiltrud (4. von links)

Wettkampfriege

Die komplette, hoch konzentrierte Leistungsriege der Jungen bei der Bezirksmeisterschaft, und zwar - soweit mir hier noch die Namen einfallen - von rechts in Reihenfolge die hier genannten „Tiddi“, meine Wenigkeit, Hermann.

Pokal

“Tiddi“, unser bester Mann, nahm für uns den Siegerpokal entgegen

Ich erinnere mich allerdings aus persönlicher Erfolgssicht eher an den Pausensport, der eine Zeit lang sämtliche Schüler und Lehrer (!) auf dem Schulhof versammelte ... und ich durfte den Vorturner zelebrieren. Man stellte ein großes Holzpodest hin, so dass mich mehrere Hundert Augenpaare beim Hopsen gut sehen konnten. Hei, wie war das doch erbaulich, wenn man sämtliche Lehrer in der vordersten Reihe hüpfen, schwitzen und leiden lassen konnte. Ich erkenne noch heute den kleinen Flit, unseren dahingehend übereifrigen Klassenlehrer, schwebend (!) vor mir. Das Foto zeigt eine Szene zu Beginn dieser Maßnahme. Später mussten dazu alle auf den Hof, auch die Lehrer. (Mein Gott, in den Klassenzimmern fanden dann wahre Razzien statt, um Drückeberger aufzufinden.)

Pausensport

Da haben wir es wieder: Die Mädchen machen brav alles nach, während die Jungen deutliche Synchronisationsmängel aufweisen.

Im Sport-Abi holten Hermann und ich mehrmals (im internen Wettbewerb, versteht sich) die „10“ heraus, wovon nichts vergessen wurde: 2x am Pferd, 1x am Barren. Im letzteren Fall hatte ich wohl beim tadellosen Absprung den Vorsitzenden Lehrer vom Kreisschulamt endgültig hypnotisiert, denn der sprang spontan vom Stuhl und lärmte in die verdutzte Kommission hinein: „Ich weiß nicht, was ich abziehen sollte!“ Na also, genau dies war im Schweiße des Angesichts erwünscht.
 
Es zerrissen auch diese Bande.
Hermann ging an die Sporthochschule in Leipzig und wurde selbst Lehrer. Wir aber verloren uns. Durch einen Zufall erfuhr ich viele Jahre später, dass er in Bad Salzungen wirkte. So sorgte ich anlässlich einer ärztlich ohnehin verordneten Kur dafür, dass ich das Salzwasser dieser begnadeten Stadt genießen durfte ... und machte mich auf die Spur der vermeintlich wunderschönen (franziskaneischen) Vergangenheit. Ich fragte mich durch und fand doch tatsächlich Hermann´s Namensschild an einer Klingel im Neubaugebiet. Aber der Blick darauf ist für mich praktisch sein letztes Lebenszeichen. Ich hörte nur mit den traurigen Worten seiner Frau (ohne je die wahren Gründe zu erfahren), er wäre so krank, dass an einen persönlichen Besuch nicht zu denken sei.
Nun ist mein bester Freund Hermann schon längst verstorben.


Herbert, verschollen, wieder gefunden, und doch verloren

Herbert vertrat einst würdig die stärkste, die meißnische Fraktion unserer Klasse, obwohl gerade er eher wie ein Eigenbrödler wirkte. Um ihn rankten sich ständig irgendwelche Geschichten. Zudem schien der hoch gewachsene Junge keinerlei Interessen am Sport zu entwickeln, was auch ihn damals für mich eher uninteressant machte.

Herbert

Was mag wohl Herbert soeben ausgetüftelt haben?

Herbert erschien mir unsportlich. Und doch zog er mich an. Da war sein unnachahmlicher Augenaufschlag, wenn er eine seiner sagenhaften Storys zum besten gab. Ich meinte neidisch, dass ihm allein dadurch die Mädchen zu Füssen liegen mussten. Doch ich beneidete ihn hauptsächlich ob seiner Fähigkeiten im technischen Metier. Auch ich bastelte gern herum, doch er war darin ein Meister. Schon im 9. Schuljahr begeisterte seine Schaltautomatik, mit der er im Schlafzimmer seine Mutter austrickste. Er las gern (wie ich) und des nachts. Das hatte seine Mutter verboten. Wenn sie nun zur Kontrolle Herbert´s Tür öffnete, war stets das Licht aus.

Na ja, in der Schule gab es auch gute Gründe für intelligente Problemlösungen. So bedurften die andauernden Wissenslücken bei den Arbeiten einer solchen, wenn man Spickzettel und „Gedankenaustausch“ als unter der Gürtellinie empfand. Herbert ging mit seinem Freund im Nachbar-Klassenzimmer deshalb gleich richtig zur Sache.
Die Putzfrau hatte es aufgedeckt. Sie wunderte sich über eine dünne elektrische Leitung in den Ritzen des Fußbodens. Es kam zum Eklat, in den sofort der Schuldirektor Klos, hoch rot im Gesicht, heftig verfangen wurde. Man wickelte einen Kriminalfall ab. Wir bewunderten dagegen Herbert und waren für die Ausfallstunden dankbar. Hatte er doch lediglich und der Zeit weit voraus - die Signalleitung  ging von Bank zu Bank durch die Fenster und an der Außenwand entlang - mit seinem Freund nebenan über gewisse Fragen mit Morsezeichen elektronisch kommuniziert.

Im Sommer des Jahres 1964 fand auf dem S-Bahnhof Alexanderplatz in Berlin eine merkwürdige Begegnung statt. Uns trennten allerdings zwei Gleise. Also, man traf sich gewissermaßen an den Kanten des Abgrunds. Und es wurde wegen des allgemeinen Lärms laut hin und her geschrien, um sich halbwegs zu verständigen. Wieder dieser Augenaufschlag! Wie geht´s, wie steht´s, ging es rüber und nüber. Er habe sein Medizinstudium (!) aufgekündigt, um in den Westen aufzubrechen, hieß die bedenklich unverschlüsselte Nachricht. Hatte ich das wirklich richtig verstanden? Als nämlich die S-Bahn auf dem gegenüber liegenden Gleis endlich wieder abfuhr, war mein Herbert verschwunden.
Er war sogar endgültig weg ... denn er hat mit bloßen Händen den Eisernen Vorhang überwunden!!

Die Story dazu erfuhr ich im Detail (mit einzigartigem Augenaufschlag, versteht sich) von ihm persönlich im Jahr 2003 anlässlich eines wiederholten Besuches in seinem inzwischen technisch perfekt ausgestatteten Odenwald-Quartier, dass sogar einen Turm besaß. Herbert beschrieb das soeben erworbene Haus schon in einem Brief vom 11. Juni 1986 ohne Übertreibung als „sehr luxuriös“.

Nun war er ein gut situierter und hoch geschätzter Augenarzt im weiten Umkreis. Wie ich mich selbst überzeugen konnte, enthielt auch seine Praxis jede Menge teurer optischer Ausstattungen, zu deren Entwicklung sich ganze Physiker-Generationen die Zähne ausgebissen hatten. Herbert aber stand über diesen Dingen. Insofern wäre zu erwarten gewesen, dass er sich zur Republikflucht mindestens ein U-Boot oder so gebaut haben sollte.

Nein.
Aber Odyssee schon.
Und zwar mit Surfbrettern und Gummianzügen!!!
Mangelwirtschaft.
Viel Zeit zum Beschaffen und wenig zum Üben.
Überall Beobachter, auch im Hinterland.

Rügen und die schöne blaue Ostsee im Sommer, stürmisch.

Zwei mutige Männer am Tage X entscheiden vorsorglich: Jeder für sich!
Nacht. Neumond.

Das ruhige Wasser des Rassower Stromes: Glückliche Surfpassage.

Robben mit schwerem Gepäck durch´s Vogelparadies, Hiddensee, du Insel im Meer der Träume!

Starker Wellengang auf der Westseite.
Angst, Brecher, Hektik ... raaatsch, und ausgeträumt für Herbert.
Rückzug auf gleichem Weg.
Versteck auf Rügen.
Viel schlimmer: Kurzfristige Beschaffung eines neuen Gummianzuges!
Oder Aufgabe??
Nein, niemals!!!

Geschafft!
Nach sieben Tagen zweiter Anlauf.
Diesmal Vollzug, zum Glück nicht in Bautzen.

Denn Lichter, vielleicht bei Kilometer 80.
Ost- oder Westlichter ???
Kriegsrat bei schwindenden Kräften.
Dann aber: Dänischer Empfang!
 
In Freiheit!!!

Meine Besuche im Odenwald waren nicht zufällig. Wir hatten, wie gesagt, schon in tiefen DDR-Zeiten Briefkontakt aufgenommen. Herbert träumte von seiner Heimat, in mir schwelte zuletzt deutlich das dumpfe Wort Fluchthelfer. Dann kam die Wiedervereinigung, für uns beide überraschend, aber eigentlich immer noch zur rechten Zeit.

Leider gelang es mir trotzdem nicht mehr rechtzeitig, Herbert zu einem Klassentreffen in Meißen zu bewegen. Mein Gott, er wollte mit mir erst mal auf den Kilimandscharo. Dieses riskante Abenteuer konnte ich zwar - einem inneren Widerstand folgend - abwenden, zum Glück auch, denn er musste sich kurz danach einer schweren Herzoperation unterziehen. So freuten wir uns über die gute Nachricht: Operation gelungen!

Doch dann schockierte der letzte Brief.
Herbert starb am 30.Dezember 2004. Mir fehlen die Worte, weshalb ich jene wunderbaren zitiere, die seine Hinterbliebenen zum Abschied fanden:

Herbert hat gerne und intensiv gelebt.
Er war Arzt mit Leib und Seele.
Er war Freund.
Er hat geliebt und ist geliebt worden.


Dank: Ich danke allen Fotografen, insbesondere Andreas Stegemann, ehemals 12B2, die die Visualisierung längst vergangener, aber unvergessener Zeiten möglich gemacht haben.

F.M.
11.03.2010