Die Hasenhatz

In den dunklen Schwaden der Erinnerung taucht keiner der kleineren Vierbeiner während Hänschens Evakuierung vor den Russen auf, obgleich sie ihm doch ganz bestimmt auch in dieser Zeit und in der dörflichen Umgebung des Glatzer Berglandes, wohin sich die Strehlener und Hussinetzer vor der Front zurück gezogen hatten, irgendwie über den Weg gelaufen sein müssen. Doch in seinem Heimatort mit dem in seiner Geschichte so oft und in vielen Sprachen gewechselten Dorfnamen hat es sie selbstverständlich alle gegeben, die Hunde, Katzen, Karnickel, Hühner, Gänse, Tauben und so.
 
Auch gab es einen Bestand wilder Tiere, der für das Hänschen zwar lange unzugänglich blieb, doch der riesige Wald der Strehlener Berge begann unweit auf dem Ziegenberg, und ein ausgesprochen typisches Charakteristikum sind ja gerade die großen Wiesen-, Feld- und Waldflächen innerhalb der Dorflage.

                  

Nach dem Wiedereinzug im Heimatdorf und dem Zuzug der Polen wurden freilich alle diese armen Viecher schnell nicht nur dezimiert, sondern - wie die Fische und Krebse - völlig ausgerottet. Sie wurden ganz einfach aufgegessen. Hänschen schwört allerdings, dass er keinen Hund und keine Katze verspeist hat, was jedoch in den ersten Nachkriegsjahren nicht für die gesamte europäische Dorfgemeinschaft zutraf.

Trotzdem drängten die erwähnten und weitere solcher vierbeiniger, aber auch beflügelte Wesen, bald wieder ins Bewusstsein zurück. Insbesondere taten dies gewisse wilde Tiere, die naturgemäß schwer zu fangen waren. Man hat ja keine Ahnung, inwieweit der Gebrauch von Schusswaffen verboten war oder ob hier im ehemaligen böhmischen Husynec, im später preußischen Hussinetz, im dann kurzzeitig deutschen Friedrichstein oder jetzt im polnischen Gesiniec, eine lokal-internationale Übereinkunft herrschte, weil jeder im Ort inzwischen Explosionen hasste wie die Pest. Das war nämlich durchaus nicht überall der Fall. Ab dem Jahr 1950, da Hänschen nach der Vertreibung im sächsischen Weinböhla landete, konnte es zum Beispiel noch die entsprechende Praxis der Russen aus der Meißner Garnison beobachten: Die ballerten in der Aue vor des Jungen verdutzten Augen und Ohren mit Maschinenpistolen auf die wenigen verbliebenen Hasen.

Auch im Nachkriegs-Gesiniec gab es Jahre zuvor wieder Feldhasen. Doch nun greife man mal diese Schnellfüßer mit bloßen Händen! Und trotzdem, unglaublich, Hänschen hat dieses spektakuläre Unterfangen zumindest im Ansatz beobachtet, nämlich wie ein Mann genau dies versuchte.

Es war ein Tag wie viele, und Hänschen strebte dösend zwischen verschiedenen Grundstücken im Ortsteil Aue von Hussinetz der Stadt Strehlen zu. Vielleicht wollte der Junge zum Friseur in der Altstadt. Links und rechts zogen sich Gärten mit Zäunen aus deutscher Zeit dahin. Plötzlich stürmte ein Hase im Garten rechter Hand direkt auf Hänschen zu. Wetten, der sah freilich weder das Hänschen, noch - oder gleich gar nicht - den Staketenzaun. Wenige Meter dahinter spurtete nämlich ein Pole, und der hatte es direkt auf den Meister Lampe abgesehen!!! Das zutiefst fremdartige Duo fesselte das Hänschen derart, dass seine Beine schlagartig erstarrten. So konnten die beiden Läufer einen sonst notwendigen horizontalen Haken um Hänschen herum gerade mal noch vermeiden und spektakulär geradeaus vorbei düsen. Umso entscheidender wurden demgegenüber zwei unvermeidlich aufeinander folgende vertikale Sprünge, weil ja die Richtung beibehalten wurde.

                  

Der Haase entdeckte das Hindernis wohl erst in letzter Sekunde, doch musste er schon wegen der Trägheit linientreu bleiben. Seine beiden Kolossalsätze überstiegen dann eindeutig Hänschens Vorstellungsvermögen und haben sich gerade deshalb tief in dessen Gehirn gebrannt.

Auch die weitere Abfolge der sagenhaften Ereignisse ist nicht vergessen, denn der Pole landete nach seinem ersten Sprung in dem Augenblick auf der Straße als der Hase bei seinem zweiten gerade den Flugscheitel über dem nächsten Zaun passierte. Die Breite des Weges betrug, nachträglich geschätzt, höchstens vier bis fünf Meter, so dass man sich nachweislich im wahrsten Sinne des Wortes auf den Fersen war. Wie das Rennen ausging, weiß man freilich nicht, denn Hänschen stand noch lange mit offenem Mund da und schaute in die Richtung, in der dieser Spuk schließlich zwischen den Bäumen verschwand.





F.M.
06.08.14