Die Legende vom Berggeist des Kaßberges

Die meisten Kinder zwischen 4 und 84 Jahren wollten es genau wissen, wie der Berggeist aussieht, nachdem sie bei einer Führung des Autors in den Unterirdischen Gewölbegängen im Kaßberg zu Chemnitz (Fabrikstr. 6) die Legende gehört hatten. Der Berggeist ist aber von Natur aus menschenscheu. Menschengruppen sind ihm noch nie begegnet. Nur wenn er sich unbeobachtet glaubt, bewegt er sich in seiner dunklen Unterwelt. Gelegentlich kann es dabei auch zu einer zufälligen Begegnung kommen, wenn man sich als Einzelperson still und behutsam verhält. Und dunkel muss es sein. Man spürt dann zunächst einen kühlen Hauch, schließlich ein Raunen und Flüstern, bis plötzlich ein fahler Lichtschimmer das fremdartige Wesen mit seinen Augen wie Mundlöcher in die totale Finsternis zaubert. Da muss man schon zu den Mutigsten gehören, um nicht vor Schreck eiligst davon zu laufen.

Auch der Geist hält inne. Seine Augenhöhlen mustern kurz und unaufdringlich die Situation. Der Blick wirkt trotzdem irgendwie lähmend. Und ehe man wirklich selbst reagieren kann, ist der Spuk vorbei. Mit einem „Huiii“ löst sich der Umriss des Geistes in tausend Lichttüpfelchen aller Farben des Regenbogens auf. Eine bunte Wolke beginnt zu rotieren, dann bekommt sie Fahrt. Die nächste Biegung erkennt man gerade mal noch im Widerschein der Irrlichter, und weg ist er.

Die Dunkelheit lässt den Atem stocken, aber ein brausender Luftzug im Sog der Geisterbahn bringt die Besinnung zurück.

Du bist dem Berggeist begegnet!

Die Legende:

Der König wollte das eroberte Land festigen. Er befahl daher seinen ritterlichen Kriegern, Burgen zu bauen.

So kam es, dass ein Ritter auf dem Kaßberg eine Wallburg mit hölzernem Turm errichtete. Von hier aus beherrschte er mit seinen Mannen ein ausgedehntes Tal zwischen mehreren Bergen. Im Urwald war aber wenig zu holen, und der Ritter musste mit dem kärglichen Sold des fernen Königs auskommen.

Er sann daher darüber nach, wie er sein Einkommen aufbessern könnte und fand die Lösung auf dem nahen Pfad am Fluss. Dort zogen fremde Kaufleute auf ihrem langen Weg zu den Märkten im Norden oder im Süden vorüber, und sie glaubten sich wenigstens hier im Schutz der Burg zu befinden. Denn es herrschten unsichere Zeiten.

Sie hatten Geld, Waren und oft auch Sklaven bei sich, die sie später verkaufen wollten.

Genau darin erkannte der Ritter seine Chance. Er begann auf der Straße zu rauben. Nicht nur Geld und Güter waren ihm willkommen, sondern auch die unglücklichen Menschen selbst, die er gefangen nahm. Sie mussten geheime unterirdische Gänge und Gewölberäume bauen, mit denen er seine Möglichkeiten, den Straßenraub ungestraft zu betreiben, beträchtlich zu verbessern glaubte.

Die großen Felsenräume dienten als unterirdische Gefängnisse. Niemand konnte entkommen und keiner von den Gefangenen hat je wieder das Licht der Welt erblickt. Bei schwerster bergmännischer Arbeit und unter feuchten, kalten Bedingungen vegetierten sie bis an ihr Ende dahin. Der Ritter aber kannte keine Gnade.

Und so kam es, dass die Gefangenen den Ritter verfluchten. Als er schließlich starb, wurde der Fluch wirksam. Er muss nämlich von da an für alle Zeiten als Berggeist ruhelos in seinen unterirdischen Gängen umherirren.

Mancher Höhlenforscher ist schon furchtbar erschrocken, wenn es zufällig zur Begegnung kam, doch der Berggeist tut niemandem etwas zuleide, denn er hat inzwischen längst die Untaten bereut. Den Fluch konnte er aber damit nicht mehr aufheben.

Es bleibt ihm nur, die überaus zarten Tropfsteine in den einst so schrecklichen Gewölberäumen zu zählen. Jedes Mal am Todestag, wenn also ein neues Jahr des Geisterdaseins anbricht, beginnt nämlich ein neuer Tropfstein mit den noch immer fließenden Tränen der Unglücklichen von einst zu wachsen. Man hat festgestellt, dass es schon fast 1100 Zaubersteine sind. Wenn man sie auch nur leicht berührt, zerfallen sie zu Staub, und der Berggeist verzählt sich...

Eines Tages kam es zur Begegnung mit dem Autor, als der Berggeist gerade gedankenverloren mit seiner Puppe spielte. Er muss furchtbar erschrocken sein, denn er ließ augenblicklich von seinem Spielzeug ab, um schon fast ohne ihm davon zu eilen. Dabei entstand ein Foto. Das Blitzlicht brachte den Berggeist wieder zur Besinnung. Er schnappte sich die Puppe und schwupp, weg war er. Jetzt wissen wir wenigstens wie er aussieht. Wenn Kinder nämlich spielen, dann ist die Puppe auch ihr Ebenbild.

Stand: 24.08.2002