Neuweistritz, gestern deutsch und heute polnisch

 

Bevor jedoch der Kurs auf die eigentliche Katastrophe in Hänschens Leben aufgenommen wird, sei dem Dorf Neuweistritz, einigen seiner Anwesen und deren ehemaligen deutschen Eigentümern bzw. polnischen Nachfolgern anhand von Fotos und Recherchen noch ein kurzer Besuch gewidmet.

 

Der Autor träumte im Erwachsenenalter schon länger davon, den Spuren der Kindheit auch einmal in Neuweistritz nachzugehen und vielleicht etwas über die damaligen Asylgeber zu erfahren, deren Namen ihm in den Jahrzehnten entfielen. Erst im Jahr 2008 war es dann so weit. Zielsicher wurde das markante Bauerngut gefunden (Bilder 7 und 9), und der polnische Eigentümer erinnerte sich doch tatsächlich an den Vorbesitzer-Namen: Neumann. Es bestanden aber keine Kontakte.

 

Erst durch einen Zufall im Jahr 2015 gelang es dem Autor, in Deutschland die Neumann-Spur aufzunehmen. Dies geschah dank der freundlichen Unterstützung von Frau Adelheit Kretschmer, Leipzig, und der Herren Herbert Geisler, Salzgitter-Ringelheim, dem bekannten Material-Sammler zu Schlesien53), sowie Prof. Dr. Lebrecht von Klitzing, Wiesenthal, der im landwirtschaftlichen Gut und Gasthaus von Michael Ulbrich in Neuweistritz, Nr. 2754), geboren wurde, siehe Bild 10.

 

Ihnen allen gebührt an dieser Stelle ganz besonderer Dank. Das Ergebnis der Recherche lautet: Die kindelosen Martha und Franz Neumann (Bauern in Neuweistritz, Nr. 90)55) verschlug es als Vertriebene in den Westen Deutschlands. Sie sind beide bereits verstorben. Ihnen sei daher posthum herzlich gedankt für die damalige barmherzige Aufnahme, die unauslöschlich im Gedächtnis des Autors geblieben ist!

 

Das malerisch  gelegene  Neuweistritz trägt heute den  Namen  Nowa Bystrzyca, also eine direkte Übersetzung, nach wie vor mit Bezug zum Flüsschen Weißtritz = Bystrzyca (Habelschwerdter Weißtritz). Der polnische Besitzer des Neumann-Gutes präsentiert im Bild 11 stolz den Beginn einer touristischen Erschließung seiner Umgebung, denn die Tafel weist auf die Pension im „Haus am Wald“ in Nowa Bystrzyca und auf den Skilift im benachbarten Bergdorf Brand hin, das jetzt Spalona heißt.

      Bild 9              

 

Bild 9: Bei einem Besuch des Autors im Jahr 2008 konnte anhand von Hänschens Erinnerungen der Bauernhof, der ihm im Jahr 1945 Asyl bot, eindeutig identifiziert werden. Der Vierseithof ist eines der letzten, nahezu vollständig erhaltenen Kulturdenkmale schlesischer Holzbauweise52).

Wir haben es mit einem freundlichen Menschen zu tun, der das Andenken seiner Vorbesitzer bewahrt hat. Immerhin erinnerte er sich auf Anhieb an den Namen Neumann und zeigte bereitwillig im Wohnhaus einige im Original erhalten gebliebene kulturelle Schätze, so zum Beispiel die

 

Bild 10

 

Bild 10: Michael Ulbrich war in Neuweistritz, Nr. 27 (im Foto vor dem Krieg), als Land- und Gastwirt tätig. Er ist mit der Familie von Klitzing verwandt. Vielen Dank Herrn Dr. Lebrecht von Klitzing für das Foto!

 

kunstvoll gearbeitete Haustür und die Beschickung des zentralen Kohleofens (Bild 12). Bei dieser Gelegenheit durfte der Autor auch einen Blick in die Anbau-Kammer werfen (Bild 13), in der Hänschen eine der letzten „Schlachten“ des 3. Deutschen Reiches glücklich überlebte. Mein Gott, der Raum ist doch wahrhaftig nur ein Bretterverschlag!

 

 

   Bild 11         

 

Bild 11: Auf dieses Schild in seinem Grundstück, das an den im Habelschwerdter Gebirge wieder aufkommenden Tourismus erinnert, ist dieser alte Herr - der das Neumannsche Erbe in Nowa Bystrzyca (ehemals Neuweistritz) angetreten hat - ganz stolz.

 

 Bild 12           

 

Bild 12: Man darf annehmen, dass in dem seit 70 Jahren baulich nahezu unveränderten ehemaligen Neumann-Gut noch viele deutsche Kulturschätze verborgen sind (links die historische Haustür, rechts der Zentralofen im Wohnhaus).

            

Bild 13 

Bild 13: Das farbliche Design in der Anbau-Kammer erinnert noch irgendwie an Hänschens „rote Rosen in der Tapete“, während das linke Fenster den Blick nach draußen etwa an die Stelle auf der Straße freigibt, wo sich die Panzersperre befand und die nächtliche „Schlacht in Neuweistritz“ tobte.

F.M.
20.10.2015